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14 | 10 | 2014

 

JOURNALISTENPREISE-NEWS


Leipziger Rede zur Freiheit und Zukunft der Medien 2014

Newsbild New

 
Eine eindrucksvolle Rede hielt ZDF-Intendant Thomas Bellut bei der Verleihung des Preises für die Freiheit und Zukunft der Medien 2014 in Leipzig. JournalistenPreise.de dokumentiert den Vortrag von Thomas Bellut in leicht gekürzter Form. Foto: Medienstiftung/Olivier Colin

 

  Sprechen wir also über die Freiheit, besonders die Freiheit der Medien, und über die Zukunft von beiden. Ich tue es aus der Praxis eines elektroni­schen Mediums her­aus, will aber zuerst einen anderen spre­chen lassen, da­mit wir die Atmo­sphä­rik der Wende etwas gegenwärtiger haben. Un­ser da­maliger DDR-Kor­re­spondent Werner Brüssau schrieb im ZDF-Jahr­buch von 1989 über das, was auf den Tag genau vor 25 Jahren hier gesche­hen ist:

Mit den großen Protestdemonstrationen am 7., 8. und 9. Oktober in Berlin, Leipzig und Dresden wurde die Revolution eingeleitet. Noch waren wir Jour­nalisten unter der Knute des Staatssicherheitsdienstes. Besonders die ak­kreditierten Fernsehteams wurden verfolgt. Nur bruchstückhaft konnten wir von den Ereignissen berichten. Kameras wurden zerstört, gefilmtes Ma­terial beschlagnahmt. Nach Leipzig wurden wir überhaupt nicht mehr hin­eingelas­sen. Wo sich der größte Widerstand gegen den stalinistisch-soziali­stischen Staat in gewaltigen Demonstrationen vieler Hunderttausender reg­te, in der Heldenstadt Leipzig, gelang es nur amerikanischen und briti­schen Kolle­gen, mit versteckter Kamera Bilder herauszuschmuggeln. Dass es in Leipzig nicht zu dem von Honecker und Mielke angeordneten Schieß­befehl kam, der ein Blutbad angerichtet hätte, bedeutete das endgültige Aus für die alte Ordnung.

Das Zitat erinnert, an welch seidenem Faden all das hing, was manch einem längst wie selbstverständlich erscheint: dass wir uns heute hier an glei­cher Stelle treffen können und offen über Freiheit sprechen dürfen: über die damalige Rolle der Me­dien auf dem Weg in die Freiheit und über unsere Rolle heute, wie wir das hohe Gut der Freiheit auch künftig bewahren, gera­de auch mit Hilfe der Medien.

Freiheit ist ein offener Begriff:

Könnte man Freiheit begrifflich genau definieren, würde man sie be­reits ein­schränken. Philosophisch verstanden, entsteht sie erst im kon­kre­­ten Vollzug unseres Denkens und Hand­elns und definiert sich dabei quasi nur oder erst selbst. Greift man vorher zu, greift man vorbei. Das klingt nach rhe­tori­scher Spitzfindigkeit, gehört aber zu einem offenen Begriff. Das soll uns nicht irritieren: Selbst der Rundfunk ist ja juristisch ein dynami­scher Begriff, der sich im Zuge seiner rasanten technischen Verände­run­gen ständig mitverändert.

Um dennoch wenigstens eine Annäherung an die Freiheit zu finden, er­innere ich mal an das, was sie an der Wiege der Demokratie, sprich: in der grie­chi­schen Polis, bedeutet hatte: Der politische Freiheits­begriff meint dort keine Anarchie, keine grenzenlose Möglichkeit, erst recht kei­ne Beliebig­keit, sondern die Gleichheit der Men­schen vor dem Ge­setz. Frei­heit ist also kein persönlicher Freifahrschein, son­dern ein öf­fent­li­ches Gut, das sich in Gemeinsamkeit wechselseitig auslotet. Der Ge­­gen­­satz zu einem freien Menschen war daher nicht ein Sklave, son­dern ein Ungleicher, jemand, der nicht aus der Polis stammt, sondern aus einer nicht-demo­kratischen Region, also ein Nicht-Grieche. So ist zu verstehen, dass etwa die Zeit-Journalistin Marion Gräfin Dön­hoff bei ihren einstigen Reise-Reportagen über das andere Deutsch­land von einem fer­nen, fremden, entfremdeten, unzugänglichen, unbe­kann­­ten Land ge­spro­chen hatte. Eine nähere Kenntnis war denn auch schwierig: Die feste Hand des Sicherheitsdienstes hatte für die Journalisten im Westen nur ein sehr eingeschränktes, sagen wir ruhig: manipu­liertes Bild der DDR zugelassen.

Es gibt keine politische Freiheit ohne die Freiheit der Medien:

Die Ostbürger waren umgekehrt durch die West­medien anders infor­miert als durch die eigenen Medien. Die Bürger der DDR wussten insbesondere durch das Fernsehen, dass es jene Frei­heit wirklich gibt, für die sie später auf die Stra­ße gingen. Die Fern­seh­bilder waren eine Realität. Aus den Bildern des Westens wurde dann auch im Osten Wirk­lichkeit. Dabei geht es aber nicht nur um die Bilder von ausrückenden Trabi-Karawanen, die dann realiter weitere Karawa­nen generiert ha­ben. Vielmehr handelt es sich um einen medialen Ge­sell­schaftsprozess über Jahrzehnte hinweg. Dabei sind nicht nur Tag für Tag die neuesten Nachrichten von ARD und ZDF heimlich und unerlaubt in die östlichen Wohnzimmer buchstäblich rübergekommen; auch ein an­de­res Menschen- und Gesellschaftsbild, ein anderes Welt- und Le­bens­verständnis ist all­mäh­lich immer tiefer eingesickert ins gesellschafts­politische Grundwas­ser. Selten zuvor war die Wirk­kraft und Wirkmacht der Medien so konkret greifbar wie hier. Und sie hat den Mächtigen ge­zeigt: Kein noch so autoritäres System kann die Frei­­heit und Wahr­heit dauerhaft unterdrücken. Freie Medien über­winden praktisch jede Grenze.

Die Freiheit der Medien ist ein demokrati­sches Grundrecht:

Die westlichen Kommunikationsfreiheiten als da sind: Rundfunkfrei­heit, Pressefreiheit, In­for­­mationsfreiheit, Meinungsfreiheit und Meinungs­äußerungsfreiheit waren und sind eine Lehre und Folge aus dem gleich­geschalteten Reichsrundfunk des National­sozialismus. Als demo­kratisches Grundrecht ist die Kommunikations­frei­heit bewusst ein libera­les Abwehrrecht zum Schutz gegen einen Staats­funk beziehungsweise gegen staatliche Eingriffe in die Rundfunkarbeit. So kam es nach dem Kriege in der jungen Bundes­republik zum Modell eines öffentlich-recht­lichen Rund­funks als elektronisches Ge­sellschaftsforum mit aus­­drück­li­cher Staatsferne. Er stand im publizistischen Wettbewerb mit einer freien Presse, wie er dann später, durch die neuen techni­schen Möglichkeiten einer grö­ßeren Ka­nal­­fülle, im Dualen System der elektronischen Medien auch in den zu­sätz­lichen Wettbewerb mit kommerziellen Programm­an­bie­tern ein­getre­ten ist.

Entscheidend ist, dass für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei allen medialen Verän­derungen dennoch Bestand und Entwicklung im Sinne des Grundrechtes weiter garantiert bleiben. Dass dies kein medienpoliti­scher Selbstläufer ist, sondern von Zeit zu Zeit nachjustiert wer­den muss, hat das jüngste Rundfunkurteil des Bundesverfas­sungs­gerichtes zur Be­set­zung der ZDF-Gremien gezeigt: Je mehr amtierende Politiker in einem Aufsichtsgremium, desto dring­licher stellt sich die Frage nach der tat­säch­lichen Staatsferne. Staatsferne musste auch in den westdeutschen Medien vor der Wende natürlich täglich erstritten und durchgesetzt werden, die gesellschaftliche Macht bevorzugte immer das positive, öffentliche Bild mehr als die kritische Betrachtung.

Aber: Der An­ruf von Christian Wulff bei der Bild-Zeitung ist keine wirkliche Frage der Staatsferne oder -nähe: Hier hatte es sich nur um einen persön­li­chen Versuch der Einflussnahme gehandelt, ohne jede struk­turelle, juris­tische Handhabe. Anders gesagt: Weder als Privatper­son noch als Bun­des­präsident hätte Christian Wulff irgendeinen Chef­redak­teur zu irgend­et­was zwingen können. Der Grad der Medienfreiheit hängt also immer auch davon ab, wieviel Unabhängigkeit sich der Jour­nalismus im vorge­ge­benen Rahmen selbst be­wahrt.

Die Rundfunk-Freiheit ist eine dienende Frei­heit:

Die Medienpolitik gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen sich die Pro­gramm­­anbieter autonom und frei bewegen können. Ihre Freiheit ist frei­lich kei­neswegs grenzenlos. Grenzen treten bereits dort auf, wo allge­meine Ein­griffsgesetze zum Schutz anderer Grundrechte Anwendung finden, zum Beispiel beim Ju­gend­schutz oder Persönlichkeitsrecht. Und Gren­­zen, oder sagen wir besser: Bindungen, sind natür­lich von vornher­ein auch dadurch gegeben, dass die öffentlich-rechtlichen Sender einen Pro­grammauftrag haben: Ihre Rundfunkfreiheit ist als dienende Frei­heit ausdrücklich gebunden an den Ge­sell­schaftsauftrag einer media­len Grundversorgung mit In­formation, Bildung, Unterhaltung und Kultur.

In­so­fern gibt es keine Medienfreiheit ohne gesellschaftliche Bindung, und das heißt: ohne publizistische Ver­ant­wortung. Aus ihr heraus bieten und bilden die Öffentlich-Rechtlichen ein Mei­nungsforum für das Gesell­schafts­­­ge­spräch, oh­ne das eine offene de­mo­kratische Gesellschaft, zu­mal eine Me­diendemo­kratie, nicht funktio­nie­ren kann. Das klingt zuge­geben ein wenig staats-tragend, trägt allerdings auch den Staat, jeden­falls die Gesellschaft, wie wir seit dem Mauerfall wissen: Auf ein Ge­samt­bild der deutschen Wirk­lich­keit ausge­richtet und die Wieder­ver­eini­gung als Fernziel im Auge, hat­ten ARD und ZDF über viele Jahre und Jahr­zehnte hinweg sicher keinen geringen Anteil an der Fried­lichen Revolu­tion.

Ohne Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit kann man sagen: Die Wiedervereinigung war auch ein historischer Programmerfolg des öffent­lich-rechtlichen Fernsehens. Er ist nicht zu mes­sen an Quote und Attrak­ti­vität des Programms, sondern an seiner gesell­schaft­­lichen Re­le­vanz. Gewiss können auch kom­mer­zielle Programme publizistisch rele­vant sein, doch sie können es nicht garantieren, da sie sich unter dem Strich rech­nen müssen. Hier aber stellt sich die Frage nach der Freiheit noch ein­mal von einer anderen Seite: Kommer­zi­elle Sender haben zwar weit grö­ße­re Programmfreiheiten dadurch, dass die Grundversorgung öf­fent­lich-recht­lich abgedeckt ist, doch ihr wirt­schaft­licher Druck zur Ge­winn­maxi­mie­rung kann unter Umständen mehr Abhängigkeit bedeuten, als sie von der Po­litik ausgehen könnte.

Im Übrigen wäre es, alleine vom Ver­kauf der Werbezei­ten her, praktisch gar nicht denk­bar gewesen, dass RTL oder SAT.1 im Zuge der Wieder­vereinigung seiner­zeit wie das ZDF an die 50 Sondersendungen ge­schaltet hätten. Und so heißt Medien­frei­heit eben auch: größtmögliche journalistische Unab­hängigkeit auch von anderen als politischen Fakto­ren, seien sie wirtschaftlich, technisch, kul­tu­rell, sozial oder am Ende dann auch per­sön­lich und charak­terlich.

Der medienpolitische Freiheits­rahmen ist inhaltlich mit Meinungs­viel­falt zu füllen:

Die formal zunächst leere Freiheit braucht Inhalt: In ihrer Pro­gramm­auto­no­mie haben die Sender praktisch die Definitionshoheit, wie sie ihre Pro­­gramm­­­freiheit konkret umsetzen. Das Programm ist, so ge­sehen, die dy­namische Definition des Frei­heitsbegriffes. Seine Ausgestaltung orien­tiert sich an der Maßgabe der Meinungs­vielfalt im Dienste und Sinne einer freien Meinungs­bil­dung. Gewiss kann dabei eine Sache auch ein­mal etwas einseitiger beleuchtet wer­den, aber unter dem Strich sollten sich Licht und Schatten dann doch aus­glei­chen wie einstmals bei Kenn­zeichen D und dem ZDF-Magazin mit ihren unterschiedlichen parteipolitischen Färbungen. Unter diesem berühmten Strich geht es ja auch nicht pri­mär um Parteien, also um par­tes, sondern buchstäblich ums Ganze, Gemeinsame. Und es geht demnach auch nicht alleine um eine per­sönliche, individu­elle, sondern vor allem um die öffent­liche Mei­nungs­bildung, und bei ihr nicht nur um ihre Bildung, sondern auch um den Abbau fal­scher Meinungen, unguter Stimmungen oder schäd­licher Vorurteile, also in der Sprache unseres heutigen Anlasses um das Abtragen von Mauern oder Mauerresten.

Wie sich aber Meinungen auf allen Ebenen der Lebenswirklichkeit bilden können, müssen auch in der Programm­viel­falt alle Register, alle vertret­baren Varianten an For­maten gezogen wer­den, von den heute-Nach­richten bis zur heute-show, nicht zu vergessen auch all die bewegen­den Fernsehfilme über deutsch-deutsche Schicksale als eine andere, emo­tio­na­lere Form einer auch psychologischen Meinungs­bil­dung, die oft mehr be­wegt als alle schönen Worte.

Freie Medien brauchen freie Journalisten als Meinungsbildner:

Freiheit kann man nicht vermitteln, ohne selbst frei zu sein. Eine größt­mögliche journalisti­sche Unabhängigkeit des Denkens und Handelns ist unverzichtbar. Dazu gehört auch eine größtmögliche Bar­riere­frei­heit im Zugang zu Informationen. Bei einem Anlass wie heute, an einem Tag wie diesem zitiere ich noch ein­mal Wer­ner Brüssau auf seiner damaligen Su­che nach Quellen der Wahr­heit in der DDR: Es war schwer, Menschen für ein politisches Gespräch zu gewin­nen. Und die führenden Kommunis­ten hiel­ten sich von uns fern. Ich hatte im­mer den Eindruck, dass das Jour­na­listenabkommen im Grund­lagen­­ver­trag für Ost-Berlin die dickste Kröte war, die sie hatten schlucken müs­sen. Vielen Edel-Kom­mu­nisten waren wir regelrecht verhasst. Uns war je­der di­rek­te Kontakt zu gesell­schaft­lichen und kommunistischen Stel­len im Land un­tersagt. Ver­ließen wir Ost-Berlin, so hatten wir uns 24 Stun­den vorher ab­zumelden. Nur die Presse­referenten der Ministerien waren zu Aus­künf­ten berech­tigt, und die waren mit Ausnahmen dürf­tig ge­nug.

Wegen der Kröte also die eingangs zitierte Knute. Und man sieht, wie sehr Journalisten auch diktatorische Betonköpfe ärgern, beschäftigen und am Ende vielleicht sogar ihrerseits beeinflussen können. In dieser journalistisch-investigativen Wirkkraft sind Medien kein un­terhaltsamer Luxus, sondern konstitutiv für eine transparente De­mokra­tie, die ihrem Namen auch gerecht wird. Entsprechend groß ist ihre publi­zis­ti­sche Ver­ant­wortung im Dienst an der Sache, der öf­fent­li­chen Sa­che, der res publica. Von daher erübrigt sich der Hinweis, dass die heute grassie­renden Per­so­­na­lisierungen im Kampagnen-Journalismus und in der Skandal-Be­richt­erstattung von der eigentlichen Sache oftmals ablen­ken. Wenn es einer öffent­lichen Empörungs­maschinerie mit all ihren moralisierenden Hypes und Shitstorms gelingt, selbst den ersten Bürger eines Landes zu Fall zu brin­gen, dann wird die etwas problematische These von den Medien als der vierten Gewalt (ich halte davon wenig) im Staate buchstäblich wahr.

Weit positiver wirkt die These allerdings, wenn man die Medienmacht als eine Art außerparlamentarischer Opposition mit kritischer Kontrolle des politischen Geschehens versteht; wenn Medien im Kampf gegen ein tota­litäres Regime eine Gegenöffent­lich­keit formieren; wenn Journalisten nicht nur als freiheitliche Vordenker wirken, sondern auch offen und öf­fent­lich als Vor­reiter agieren wie unsere Preis­trä­ger heute als Mitstrei­ter der Fried­­lichen Revolution mit ihrem hohen persönlichen Einsatz für die Pressefreiheit in der damaligen DDR.

Journalisten werden notfalls zu Freiheitskämpfern:

Auch nach dem Mauerfall ist die Freiheit kein feststehendes, dauerhaftes Gut, sondern jederzeit und überall gefährdet, auch bei uns, aber erst recht in den totalitären Staatsfor­men unserer Tage. Hier kann unsere afghanische Preisträgerin Farida Nekzad mit ihrem länderübergreifenden Kampf um Presse­frei­heit und Frauenrechte für all die anderen Regionen die­ser Welt stehen, an denen niemand mit sei­ner Meinung auf die Straße zu gehen wagt.

Die aktuellen Missstände stimmen umso nachdenklicher, als die Mei­nungs­freiheit heute gerade auch in jener geopolitischen Region be­droht ist, die beim Mauerfall vor einem Vierteljahrhundert so ein-malig günstig war. In Russland hat unter Putin eine Verschärfung des Demon­strations­rechtes, eine Reform des Parteiengesetzes und des Wahlrechts als Vor­bereitung zur Ein­schrän­kung der Rundfunk- und Meinungs­frei­heit statt­gefunden.

In China werden Journalisten bei Haftstrafe gewarnt, keine uner­wünsch­ten Ge­danken und böswilli­gen Gerüchte gegen das sozialistische Re­gime in die Welt zu setzen. Die Warnung richtet sich, in Verbindung mit einer großen Firewall, ins­besondere gegen Blogger im Netz, wo neben den klas­si­schen Me­dien ein neues Kampffeld um Meinungsfreiheit ent­­stan­den ist.

Im Irak wurden wir Zeugen, fast sogar Augenzeugen, von Hinrich­tun­gen internationaler Jour­nalisten durch die sunnitische Terrormiliz Islami­scher Staat. Demonstrativer kann man der Welt­öffentlichkeit nicht die eminente Schlüsselfunktion von Journa­lis­ten als den großen Multiplika­to­ren des globalen Zeitalters vor Augen führen. Sie bringen fast alles ans viel be­­schwo­rene Licht der Öffentlichkeit. Den Rest schafft das Netz, wo das Licht niemals ausgeht. Heikel wird es allerdings bei der Frage, ob und inwie­weit und unter welchen Umständen man die propa­gandisti­schen Bilder der Hinrichtung überhaupt der Welt­öffentlichkeit zei­gen darf: ob man sich damit nicht selbst zum Hand­langer der Terroristen macht. Damit wären selbst scheinbar freie Medien dann doch instru­mentalisiert, fremd bestimmt, also ohne Freiheit.

Das sensible Beispiel lehrt, wie dialektisch die Freiheit der Medien ge­rade im Front-Journalis­mus umbrechen kann und wie freie Journalisten plötz­lich dann doch unfrei werden. Und das Beispiel mahnt weiter, ob nicht nur die Freiheit allgemein, sondern auch die spezifische Presse­frei­heit am Hindukusch verteidigt werden muss: Auch dort müsste die Wahr­heit zur Sprache kom­men, und sei es durch ausländische Jour­na­lis­ten, quasi durch eine im­portierte Medienfreiheit allerdings möglichst nicht unter Lebensgefahr, bei der sich die Frage der journalistischen Verant­wor­tung noch einmal ganz neu stellt.

Freie Medien brauchen auch freie Nutzer:

Alle Freiheitskämpfer kämpfen nur gegen Windmühlen, wenn das Volk nicht mitzieht: So werden die heutigen Preisträger ja stell­vertretend für alle Mitdemonstranten der Friedlichen Revolution ausgezeichnet. Der beste Jour­nalist nutzt nichts, wenn seine Botschaft nicht ankommt, wenn es keine freien Bürger gibt, die sich von ihm bewegen lassen. Insofern gilt: Je mehr Vielfalt im Angebot der Meinungen, desto größer die Chan­cen, auch bei den Zuschauern Interesse zu wecken. Das demokra­tische Pro­gramm­ziel sind keine zurückgelehnten, eingelullten Zuschauer, son­dern aufgeklärte, sprich: selbst denkende, selbst­ handelnde, en­ga­gier­­te, muti­ge Bürger, die notfalls vielleicht auch einmal gegen den Strom schwim­men. Im Extremfall führt dies auf die Straße. Me­dien­­demokratie be­deu­tet also nicht, dass alleine die Medien han­deln, sondern dass sich in einem lebendigen Wechsel­ver­hältnis alle Bür­ger am gesell­schaft­lichen Leben beteili­gen: Wir sind ein Volk!

Persönliche Meinungsfreiheit darf der öffentlichen nicht schaden:

Unsere Mediendemokratie hat sich im Zuge der Digitalen Revolution mas­siv gewandelt: Zum klassischen Rundfunk ist längst das Internet da­zugekommen. Die Konvergenz zwischen Schirm und Netz ist voll im Gange. Durch weitere Zu­nahme der Internet-Nutzung verändert sich da­her auch der dynami­sche Rund­funk, verändert sich aber auch unsere Mediengesellschaft. Ent­schei­dend da­bei ist: Die traditionelle, professio­nel­le Massenkommuni­ka­tion und die oftmals laienhaft spon­tane Indivi­dual­­kommunikation gehen teilweise unter­schieds­los durcheinander, stehen praktisch gleich­wertig nebeneinander.

All das geschieht nicht unbedingt zum Vorteil des Journalismus: Das Netz beschleunigt, erweitert oder verkürzt die Möglich­kei­ten der Re­cher­che und Kontrolle und setzt damit alle Wahrheitssucher unter vehe­men­ten Aktualitätsdruck. Neben solche Fehlerquellen rückt ein immer schwie­ri­geres Quellenstudium: Wer hat welche Nachricht von wem? Und wie ist die Verbreitung von persönlichen, spontanen, emotio­nalen Mei­nun­gen auf der einen Seite ge­genüber substantiellen, fundierten, argumentativen Meinun­gen auf der anderen Seite vernünftig auseinan­derzuhalten und sinnvoll zu gewichten? Wann verliert wer dabei den Überblick? Sind Über­­blick und Durchblick überhaupt noch gefragt? Oder ist es inzwi­schen nicht manchen Nutzern erwünschter, mit Nachrichten­leuten oder mit den handelnden Personen selbst sogar mit dem Papst persönlich zu twittern, statt sich eine nachrichtliche Verkündigung an­zuhören?

Ohne Zweifel wächst mit sol­cher neuen, unmittelbaren Meinungsfreiheit auch die Verantwortung der offiziellen Medi­en bzw. Journalisten als öf­fent­liche Filter und Multiplikatoren im Dienste der eigentlichen Nach­richt, eben der gemeinsamen öffent­lichen Sache. Wo aber das Sach­ar­gu­ment bei Social Media ersetzt wird durch ein allzu persönliches, will­kürliches Gefällt mir. Ge­fällt mir nicht., rückt das Ich vor das Wir. Das Wir sind das Volk rückt in den Hintergrund.

Die Zukunft der Freiheit ist keineswegs selbstverständlich:

Wir sind an einem Umschlagpunkt angekommen, an dem mit Social Media die grenzen­lose Freiheit der Meinungen ihre Bindung verlieren kann, an dem auch der Ruf nach mehr Kontrolle wieder lauter wird. Da­gegen stehen dann natürlich wieder Ängste vor zu viel Kontrolle, zu viel Vernetzung: Im Netz bleibt alles hän­­­gen, jeder hinter­lässt jede Menge Spuren, gewollt oder ungewollt. Per­­so­nenprofile, Käu­ferprofile, Gesell­schafts­profile über das Glo­bal Po­si­tioning Sy­stem GPS oder etwa über Payback und andere Da­ten­­speicher­syste­me wuchern auf allen operati­ven Ebenen. Praktisch jedes Handy ver­rät unsere gan­zen Bewegungs­abläufe und Verhal­tens­muster. Und wenn es abgehört wird, verrät es so­gar noch mehr. Keine Angst, ich leide nicht unter Verfolgungswahn und fürchte mich auch nicht vor Big Brother: Ich möchte nur daran erinnern, wel­­che Unfreiheiten oder tech­nischen Spit­zel­systeme wir gläser­nen, transparenten Menschen von heute bereits frei-wil­lig akzeptieren und welche wir un­freiwillig dennoch in Kauf nehmen.

Noch einen Schritt weiter dürfen wir uns auch an Frank Schirrmacher er­innern, der seinem Buch Pay­back die Unterzeile gege­ben hatte: Wa­rum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kon­trolle über unser Den­ken zurückgewinnen. Ich kann dieses diffizile intel­lek­tuelle Problem, wie die Technik zuneh­mend den Menschen beherrscht, wie sich auch unser eige­nes Denken im Umgang mit technischer Intelligenz verän­dert, hier jetzt nicht weiter aus­führen, es ist auch nicht unser Thema; doch es zeigt, wie wenig wir uns auch hier und heute und in Zukunft unserer Frei­heit und gerade auch unserer ganz persönlichen Freiheit sicher sein kön­nen.

Bei allen Netzdaten geht es weniger um unsere Vergangenheit als aus­drücklich um un­sere Zukunft und die ist ja heute auch unser Thema. Alles, was über uns überall zigfach angesammelt wird, dient angeblich dem Ziel, mit dem Computer als Ora­kel­ma­schi­ne unsere Zukunft irgend­wie kon­kreter vorherzu­sa­gen und ge­sell­schaft­liche Entwicklungen oder volks­wirt­schaft­lichen Wettbewerb gewinnbringend zu steu­ern. Doch jede Steuerung kostet Frei­heit. Fast ein wenig be­ru­­higend dabei ist: So herausragende histo­rische Ereignisse wie den Mauerfall, den 11. Sep­tem­ber oder die Finanzkrise hat uns kein techni­sches Gerät und auch kein menschliches Gehirn vor­hersagen können.

Fazit: Unser Gesellschaftsauftrag geht weiter:

Nehmen wir das Mauerfall-Jubiläum nicht als Anlass, uns zufrieden zurück­zulehnen, sondern als Impuls zu noch mehr Engagement und Wachsam­keit. Die Mauer ist zwar gefallen, aber andere Mauern stehen noch, auch Mauerreste in jedem von uns: ungeprüfte Meinungen, Wertungen, Urteile, Vor­­urteile, Ressentiments. Und auf der anderen Seite steht der Frie­den nie mauer­fest, wie die jüngsten Entwicklungen in Osteuropa zeigen. So wäre in der heutigen per­so­nal­politischen Konstellation die deutsche Wiedervereini­gung schwer denkbar ge­wesen. Umso bedauerlicher, als der russische Haupt­akteur ja so viele Jahre hier in Sachsen gewirkt hat.

Es bleiben Fragen, und es kommen einem immer wieder neue Fragen: Wie einmalig ist Geschichte und wie sehr, wie schnell verändert sie sich? Wie kann es etwa sein und das meine ich keineswegs vorwurfsvoll , dass hier in Sachsen bei der jüngsten Landtags­wahl die Wahl­beteiligung von 49,2 Prozent sogar den bis­heri­gen Negativrekord noch ge­brochen hat? Wie kann es sein, dass sie in allen östlichen Bundeslän­dern niedriger liegt als in den westlichen? Was ist aus den Demonstranten von da­mals heute ge­worden? Interessieren sich die Menschen in ganz Deutschland noch ausreichend für ihr Staats­wesen?

Als Verantwortlicher für einen nationalen Fernsehsender muss ich mir natürlich auch selbst kritische Fragen stellen: Wird das Bild über politische Arbeit durchgehend negativ eingefärbt, sind wir mit Meinungen zu schnell öffentlich, bevor wir der Wahrheit auch nur nahe gekommen sind? Ist die mediale Welt zu sehr auf Personen, auf Köpfe reduziert, weil die Wirklichkeit erschreckend komplex gebaut ist?

Zum Freiheitsbegriff gehört auch die Verantwortung derjenigen, die das Privileg der Freiheit in ihrer Arbeit übergeben bekommen haben. Aber das wäre ein nächster Vortrag. Nicht heute Abend.

Thomas Bellut
Intendant
Zweites Deutsches Fernsehen


Zur Person: Thomas Bellut wurde am 8. März 1955 in Osnabrück geboren. Er studierte von 1975 bis 1982 Politikwissenschaften, Geschichte und Publizistik in Münster und schloss sein Studium mit einer Promotion über die "DDR-Berichterstattung in den Nachrichtenmedien der Bundesrepublik Deutschland" ab. Nach dem Studium wurde Thomas Bellut journalistisch tätig und war von 1983 bis 1984 Redakteur bei den "Westfälischen Nachrichten" in Münster. 1984 absolvierte er das Volontariat im ZDF. Anschließend arbeitete er von 1985 bis 1986 als Redakteur im "Länderspiegel". 1986 wechselte er für zwei Jahre als Korrespondent ins ZDF-Landesstudio Berlin. Von 1988 bis 1990 war Thomas Bellut als Referent von Programmdirektor Oswald Ring tätig. 1990 wurde er Redaktionsleiter der von ihm neu aufgebauten und gegründeten Sendungen "Familienmagazin" und "Reiselust". Von 1992 bis 1994 leitete Thomas Bellut die Redaktion "Offene Reihen und Sondersendungen". Im Wahlkampf 1994 moderierte er zusammen mit Peter Frey die "Nachtduelle, in denen jeweils zwei Politiker aus Regierung und Opposition miteinander diskutierten. Von 1994 bis 1997 fungierte Thomas Bellut als Leiter der Redaktion "blickpunkt" in der Hauptredaktion "Innenpolitik" und war verantwortlich für innenpolitische Sondersendungen, Wahlsendungen, Parteitagsberichterstattung und Was nun, ? Von 1997 bis 2002 leitete er die ZDF-Hauptredaktion Innenpolitik und moderierte Wahl- und ZDFspezial-Sendungen ebenso wie das Politbarometer. Und gemeinsam mit Klaus Bresser und später Nikolaus Brender moderierte er zudem die ZDF-Gesprächssendung Was nun, ? Von 2002 bis 2012 arbeitete Thomas Bellut als Programmdirektor des ZDF. Seit dem 15. März 2012 ist er Intendant des ZDF.



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