Preise: 721 | Gewinner: 15972 | 23.04.2019 | facebook facebook


19 | 06 | 2015

 

JOURNALISTENPREISE-NEWS


Grimme Online Award feiert Gewinner

Newsbild New

 
Acht publizistisch herausragende Webangebote wurden heute mit einem Grimme Online Award 2015 ausgezeichnet. Prominente Preispaten überreichten im Rahmen der von Sandra Rieß moderierten Gala in Köln die begehrten Trophäen. Neben den Gewinnern hatten aber auch die Verantwortlichen des Grimme Online Award besonderen Grund zur Freude: der Qualitätspreis für Online-Publizistik feiert dieses Jahr 15. Geburtstag.

 

  „Seit 15 Jahren ist der Grimme Online Award eine Art Seismograf für Entwicklungen im Internet: Standen anfangs noch textbasierte Seiten im Mittelpunkt, dominieren heute komplexe multimediale Angebote mit hochwertiger ästhetischer Optik. Gegen diese aufwändigen Produktionen können sich im Wettbewerb aber immer wieder auch Angebote von Einzelpersonen oder unabhängige Projekte durchsetzen“, erläutert die Grimme-Direktorin Frauke Gerlach. „Und so zeigt sich auch im 15. Jahr, dass sich Qualität nicht am finanziellen Budget bemisst, sondern am Engagement ihrer Macher, denen wir für die alljährliche Inspiration danken.“

Viel Zustimmung gab es auch von der Jury, die einen „in der 15-jährigen Geschichte des Grimme Online Award ungewöhnlich guten Nominierten-Jahrgang mit zahlreichen Beiträgen von exzellenter Qualität“ bescheinigte. Das machte der Jury die Auswahl besonders schwer, darf sie doch nur acht Preise vergeben – diese aber frei innerhalb der Kategorien verteilen.

So ist einziger Preisträger in der Kategorie Wissen und Bildung die interaktive Webserie „netwars / out of CTRL“ – ein beeindruckendes Lehrstück über das Thema Cyber-Krieg. Mit ihrer Auszeichnung würdigt die Jury ein Angebot, das ein stimmiges und realistisches Zukunftsszenario eines Cyber-Kriegs zeichne, interaktiv in Text und Bild sei und Expertenmeinungen mit O-Tönen biete, zu denen man direkt auf Twitter antworten könne. „Es liefert dabei aber auch“, so die Jury weiter, „Hilfe zur digitalen Selbsthilfe, wenn es darum geht, die eigene Internetnutzung sicherer zu gestalten.“

Mindestens genauso aufwändig produziert ist die Video-Webdokumentation „Polar Sea 360°“ von ARTE. Der Gewinner in der Kategorie Kultur und Unterhaltung nimmt den User mit in die Arktis – und ermöglicht in der Rundumsicht eine ungewöhnliche Begegnung mit dem Klimawandel. Mithilfe der zukunftsweisenden 360°-Technologie kann der Nutzer dorthin blicken, wohin er gerade möchte und dabei das sich rasant ändernde Leben der Inuit vor Ort selbst erkunden oder Wissenschaftlern bei ihrer Forschungsarbeit über die Schulter blicken. „‚Polar Sea 360°‘“, urteilt die Jury, „macht den Klimawandel sichtbar und ermöglicht – eindrücklich auch per zugehöriger Smartphone-App und mit Virtual-Reality-Brille – ganz genau hinzuschauen, wie sich die Erde wandelt.“

Die spielerische Komponente, die in der Wissensvermittlung bereits etabliert ist, hat das Städel Museum nun auch in die Kulturvermittlung transportiert: Das „Digitorial“ zur Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ führt mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit an die Kunst heran. „Während immer mehr Museumsportale geballte und des Öfteren überbordende Informationsberge aufschichten, besticht das Digitorial durch die Reduktion auf eine Epoche und seine Maler, von Monet bis Renoir“, so die Jury. Der gezielte Einsatz von Technologien leite den Blick dabei spielerisch auf die wichtigen Details. So könne der Besucher die Geschichte dieser Kunstepoche ganz für sich und im eigenen Tempo entdecken.

Erzählerisch stärker „an die Hand“ nimmt einen dagegen die Multimediareportage „Mamour, mon amour“ – und hier lässt man sich gerne führen: Simultan zur Liebesgeschichte zwischen der Schweizerin Lena und dem Senegalesen Mamour, die sich nach und nach entfaltet und erst am Ende aufgelöst wird, wird auch der Nutzer erst dann erlöst, wenn er sich durch sämtliche 161 Einzelfolien geklickt hat. „Diese Geschichte“, lobt die Jury, „zieht einen in ihren Bann. Schnell wird deutlich, dass die reduzierte Form, der Zwang der Linearität, unmittelbar im Zusammenhang mit der Geschichte steht. Somit hat nicht nur die einfühlsam erzählte, auf das Wesentliche konzentrierte Lovestory die Jury begeistert, sondern auch die außergewöhnliche Erzählform.“ Dieses, ebenso in der Kategorie Kultur und Unterhaltung ausgezeichnete, Angebot ist beispielhaft für die Experimentierfreude und Entwicklungsfreudigkeit der Netzakteure: Formate, die im letzten Jahr noch neu waren, sind heute schon fester Bestandteil des Repertoires und werden – auch von kleinen Anbietern – kreativ genutzt.

In einem schon lange etablierten Format – dem Webvideo – experimentiert „Hyperbole TV“ inhaltlich: Es lädt zum Surfen, Staunen und Schmunzeln auf verschiedenen Kanälen ein – als Teil eines Forschungsprojektes der Leuphana Universität Lüneburg. Das Webvideoangebot verbindet gesellschaftlich relevante Themen mit Unterhaltung und Witz. So „bieten die Macher ihrem Publikum zielgruppengerechte Informationen, Unterhaltung und vor allem: Diskussionsstoff“, schreibt die Jury in ihrem Statement und ergänzt: „Aktuelle Themen werden pointiert und modern in Bewegtbild übersetzt, der Diskurs dazu über sämtliche Social-Media-Kanäle angefeuert und das Feedback wiederum in die eigenen Formate eingespeist.“

Aber auch noch etabliertere, man könnte sogar sagen „ältere“, Formate werden von den diesjährigen Preisträgern neu belebt: So hat es der Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt geschafft, mit dem Newsletter „Checkpoint“ eine Pflichtlektüre für Berlin und weit darüber hinaus zu etablieren. Er kommentiert allmorgendlich pointiert die Berliner Politik, legt sich mit Mächtigen an, gibt Tipps zum Tage und hält über aktuelle Entwicklungen in Berlin auf dem Laufenden. Mit der Auszeichnung in der Kategorie Information würdigt die Jury ein Angebot, das „Vorbild für die Bewegung der Chefredakteurs-Newsletter ist und eine Antwort auf die Frage gibt, wie lokaler und vielleicht auch sublokaler Journalismus im Netz aussehen kann. In der digitalen Nachrichtenflut“, so die Jury weiter, „wird der Newsletter für die Leser zum verlässlichen Ankerpunkt und ist Begleiter in den neuen Tag.“

Nur ein paar Kilometer weiter, im achten Berliner Bezirk, hat sich das ehrenamtliche Team von „neukoellner.net“ ebenfalls dem lokalen Journalismus verschrieben: Auf den Seiten der Online-Zeitung finden sich Themen wie Stadtspaziergänge und Restauranttests ebenso wie Berichte aus dem Obdachlosencafé oder von der Bürgermeisterwahl. In ihrem Statement hebt die Jury hierbei lobend hervor, dass die Journalisten von „neukoellner.net“ auf Augenhöhe mit den Bewohnern des Viertels bleiben und Themen wie die Gentrifizierung kritisch und fair zugleich begleiten. „Das Angebot erzeugt“, ergänzt die Jury in ihrer Begründung „die Wiederbelebung zivilgesellschaftlicher, nachbarschaftlicher Kommunikation – offenbar sogar mit Ausstrahlung auf analoge Begegnungen. Hinter dem Projekt verbirgt sich eine authentische Bottom-Up-Bewegung – der Graswurzeljournalismus, von dem andere sonst nur reden.“

Diese beiden in der Kategorie Information ausgezeichneten Angebote machen deutlich, dass offenbar ein Bedarf an qualitativ hoch-wertigem und originellem Lokaljournalismus besteht – gerade in Zeiten, in denen lokale Berichterstattung in traditionellen Medien immer weiter reduziert wird.

Auf journalistische Tugenden besinnt sich auch das Team von „Correctiv“: Mittels monatelanger Vor-Ort-Recherche untersuchte es die Absturzursache des Flugs MH17 über der Ostukraine. Das Ergebnis ist die ebenso in der Kategorie Information ausgezeichnete Webreportage „MH17 – Die Suche nach der Wahrheit“, eine packend erzählte Geschichte, die geolokalisierte O-Töne, kurze Videosequenzen, Karten und Grafiken sowie einen umfangreichen Text zu einem schlüssigen Ganzen vereint und die von anderen frei verwendet werden darf. Über den Gewinner in der Kategorie Information schreibt die Jury: „Wir würdigen dieses Projekt als herausragendes Beispiel für die Verbindung digitaler Erzählmethoden mit klassischen journalistischen Fähigkeiten. Und wir würdigen es als Beispiel für die zahlreichen Beiträge hoher publizistischer Qualität, die das gemeinnützige Recherchebüro ‚Correctiv‘ auszeichnen, und die es anderen Medien zur Verfügung stellt.“

Das Recherchebüro „Correctiv“ war zudem einer von drei Nominierten in der Kategorie Spezial, in der in diesem Jahr allerdings kein Preis vergeben wurde. „Es ist die Stärke des Grimme Online Award, dass sich die Preise nicht gleichmäßig über alle Kategorien verteilen müssen“, erklärte Jurymitglied Nadia Zaboura während der Preisverleihung, „in der Jurydiskussion haben sich letztlich andere Angebote als stärker erwiesen, die aber – obwohl wir nicht alle Kategorien ausgeschöpft haben – die Bandbreite der Möglichkeiten im Netz sehr gut spiegeln.“

Aus allen Kategorien wurde der Sieger des Publikumspreises ermittelt: Beim Voting auf der Website von TV Spielfilm setzte sich die YouTube-Reihe „Shore, Stein, Papier“ durch. In über 300 Folgen berichtet hier der Ex-Junkie Sick aus seinem Leben als Süchtiger. Auf die Plätze zwei und drei wählte das Publikum die Multimedia-Reportage über das Münsteraner Original „Onkel Willi“ und den Newsletter „Checkpoint“.

Neben dem Grimme Online Award wurde auch der „klicksafe Preis für Sicherheit im Internet“ vergeben. Gewonnen hat der Verein „PlayBack Berlin e.V.“ mit den beiden Theaterstücken „Gefällt mir“ und „log in“, die ein generationsübergreifendes Angebot für Ju-gendliche und Eltern zu den Themen Cybermobbing, Sexting, Soziale Medien sowie Identität und Kommunikation im Internet bieten. Ausgewählt wurden die Gewinner von einer Fachjury der Initiative „klicksafe“, einem gemeinsamen Projekt der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz und der Lan-desanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). (B.Ü.)



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