Preise: 725 | Gewinner: 15806 | 23.02.2019 | facebook facebook


16 | 11 | 2015

 

JOURNALISTENPREISE-NEWS


Ashwin Raman über die Arbeit als Kriegsreporter

Newsbild New

 
Am Dienstag, 17. November, wird Ashwin Raman mit dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet. Am Montagabend, 16. November, nimmt Ashwin Raman an einer hochkarätigen Diskussionsrunde in Berlin teil. Für den erfahrenen Journalisten steht fest: "Viele junge Journalisten möchten unbedingt "Kriegsreporter" werden. Kriegsreporter ist sozusagen zu einem Abenteuersport geworden. Vor allem erliegen sie dem Irrglauben durch den Einsatz in Krisengebieten Karriere machen zu können."

 

  "Kriegsreporter, Krisenjournalismus und der deutsche Blick auf das Ausland Wer verfolgt welche Agenda?" heißt die Debatte im Rahmen des Mainzer Medien Disputs am Montag, 16. November. Die Diskussion beginnt um 19 Uhr in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund in Berlin. Den thematischen Aufschlag liefert Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD Aktuell (Tagesschau, Tagesthemen). Gemeinsam mit SWR-Chefreporter Prof. Dr. Thomas Leif, der die Diskussion moderiert, nehmen auf dem Podium Platz Sonia Mikich, Chefredakteurin Fernsehen beim WDR, der Autor, Nahost-Experte und Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, Michael Lüders, Christian Neef, "Spiegel"-Korrespondent in Moskau, der freie Auslands-Journalist Ashwin Raman, der in diesem Jahr mit dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet wird, sowie Christoph Reuter, Nahost-Korrespondent vom "Spiegel" mit Sitz in Beirut. (B.Ü.)

Interview mit Ashwin Raman

Sie sind ja gerade von einer längeren Drehreise zurückgekommen und beschäftigen sich mit dem Islamischen Staat (IS). Lieben Sie das Risiko?

Ashwin Raman: Keine Geschichte ist größer als mein Leben. ich versuche so weit wie möglich Risiken zu minimieren und verlasse mich auf Kontakte, die über die Jahre entstanden sind. Keinesfalls gehe ich auf Sonderangebote ein. Damit meine ich dubiose Angebote, wie Interviews mit dem IS-Führer Baghdadi und dergleichen. Hier kommen mir meine über 40 Jahre Erfahrung in den Krisengebieten der Welt zu Gute.

Können Sie ihre Recherchen pointiert zusammenfassen: Was kennzeichnet den Islamischen Staat und was macht diese "Organisation" so gefährlich?

Ashwin Raman: Der IS ist nicht gefährlicher, als damals Abu Mussa Zarkawis al Kaida, die Taliban, Boko Haram oder al Schabab. Aber er ist professioneller und weiß sich die Medien zugunsten zu machen. Unter anderem wird die Hochglanzzeitschrift Dabiq publiziert oder es gehen Videos mit diversen Gräueltaten durch die Welt. Da wenig unabhängige Bilder über den IS existieren, bedienen sich die Medien weltweit am Material der inszenierten IS-Propaganda. Hierzulande produziert man Dokus mit Interviews so genannter Experten, gemischt mit Propaganda-Clips des IS. Darüber hinaus versteht es der IS auch die Social Media zu nutzen, (insbesondere) um Rekruten zu werben.

In welchen Punkten unterscheidet sich Ihre Analyse von den Bewertungen der etablierten Experten? Worauf beruhen diese Unterschiede? Wie nah war Ihr Kontakt zu IS-Aktivisten?

Ashwin Raman: Patrick Cockburn, der als einer der besten Kenner des IS gilt, sagt: "...wegen der Gefahr gekidnappt oder ermordet zu werden, gibt es keine authentische Berichterstattung über den IS. Dieser Zustand kommt auch der U.S. Regierung zu Gute, die uns weismachen will, dass es Fortschritte im Kampf gegen den Terror gibt". Der Unterschied zwischen den etablierten Experten und mir ist, dass ich kein Experte bin. Ein Anti-Experte, wenn man so will. Ich habe gute Kontakte (erstmals 1968 in Irak und ab 2002 zahlreiche Dokus und kleine Beiträge für diverse Fernsehanstalten) in Irak und Syrien, bereise die Länder mit einen handgroßen Kamera und dokumentiere was ich dort vorfinde (was die Menschen mir erzählen). Es gibt nicht die eine Wahrheit. So behaupten die Schiiten-Milizen zum Beispiel, dass die USA und Israel den IS unterstützen. Die Kurden und die Politiker erklären demgegenüber, ohne die Luftangriffe der USA und den Alliierten sei der IS nicht zu besiegen. Kontakte zum IS sind vorhanden. Tatsächlich wurde ich schon nach al Raqqa eingeladen. Mehr zu diesem Thema möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht erläutern.

Was treibt Sie an, wenn Sie aus gefährlichen Kriegsregionen berichten?

Ashwin Raman: Sicherlich nicht der "Kitzel" oder Drang danach, etwas "Spektakuläres" zu veröffentlichen. Seit über 40 Jahren berichte ich aus den Konfliktregionen der Welt. Mein Streben ist es den Zuschauern das alltägliche Leben der Menschen vor Ort zu zeigen. Nicht nur Mord und Totschlag. Aus militärischer Sicht interessiert mich der Soldat an der Front mehr, als zum Beispiel irgendein General. Die Berichterstattung des Fernsehens beschränkt sich in der Regel auf Anschläge und dergleichen. Der ISIS wird auf Gräueltaten reduziert oder Afghanistan auf die Hofberichterstattung der Bundeswehr. Mich interessieren die Geschichten von Menschen. So erzählte mir eine irakische Frau davon, wie der ISIS ihre beiden Kinder vor ihren Augen ermordeten. Die Mutter wurde am Leben gelassen, sie solle lebenslang leiden und den Schmerz fühlen. In der Nachbarschaft verteilt sie manchmal Spielsachen und die Freude der Kinder lenkt sie von ihren Erinnerungen ab. Und dann war da noch ein 22jähriger Peschmerga an der Sinjar Frontlinie, der mir von seiner Leidenschaft für Bollywoodfilme erzählte. Minuten danach ist er tot, von einem ISIS-Scharfschützen erschossen.

Gibt es eine "Methode Raman" in Ihrer Art zu arbeiten? Sie drehen selbst mit einer kleinen "user-Camera". Welche Vorteile bringt das?

Ashwin Raman: Oft werde ich nach der "Methode Raman" gefragt. Lassen sie mich dies indirekt beantworten. Neulich schickte mir ein Kollege ein Expose für einen Film über Afghanistan. Es las sich, wie ein Drehbuch. Mit einer Auflistung von Fragen und vorformulierten Antworten. Dies ist keine Ausnahme, über die Jahre habe ich diverse solcher Treatments lesen dürfen. Meine "Methode" basiert auf gesundem Menschenverstand, "common sense" und "low key", also zurückhaltend zu arbeiten. In einem Land anzukommen, Kontakte zu knüpfen und zu dokumentieren, was man sieht und hört. Selbstverständlich erleichtert mir da das umfangreiche Netzwerk, das ich über die Jahre aufgebaut habe, meine Arbeit. Dies ist zwar hilfreich, doch meine Erfahrung hat gezeigt, dass mir immer wieder aufs Neue Menschen begegnen und mich auf neuen Geschichten aufmerksam machen. Als Meilenstein meines beruflichen Lebens würde ich das Jahr 2000 bezeichnen, als ich eine handgroße Videokamera geschenkt bekam. Es war wie ein Augenblick der Befreiung. Plötzlich war kein Kamerateam mehr notwendig, kein Warten mehr bis alle gefrühstückt haben und dergleichen. Nur noch mein Rucksack, die Kamera und ich. Der ganz große Vorteil ist, mobil zu sein und spontan drehen zu können. Von der Umgebung werde ich dabei meist als Tourist oder Amateurfotograf wahrgenommen.

Wie wichtig ist dieses Sprach-Repertoire für einen Korrespondenten in Krisengebieten? Können Fixer die Sprachdefizite ausgleichen?

Ashwin Raman: Sehr wichtig. Es gibt gute Übersetzer und wenig Gute. Die meisten verfügen jedoch nur über begrenzte Englisch- bzw. Deutschkenntnisse. Sie sind keine Profis, tendieren dazu die Gespräche zu komprimieren und oft die eigene Meinung einfließen zu lassen

Ganz gleich, ob Sie in Afghanistan, im Irak oder in Syrien recherchieren und drehen. Sie müssen stets eng mit dem Militär zusammenarbeiten. Wie sehen hier ihre Erfahrungen aus? Ist das nicht auch eine Form von weichen embedded Journalism?
 
Ashwin Raman: Ich muss nicht zwangsläufig mit dem Militär arbeiten. In meinem letzten Film "Das 13. Jahr" zum Beispiel, bei dem ich abgesehen von einigen wenigen Tagen, vor allem allein in Afghanistan unterwegs war. Grundsätzlich habe ich embedded keine schlechten Erfahrungen mit dem Militär gemacht. Natürlich bestimmen sie die Abläufe, präsentieren ausgewählte Interviewpartner und dergleichen. Nie habe ich es jedoch erlebt, dass versucht wurde direkt Einfluss auf meine Berichterstattung zu nehmen. Wichtig ist es, sich einen fairen und objektiven Ruf zu erarbeiten.
 
Wie wertvoll sind Mitarbeiter der Geheimdienste bei der Informationsbeschaffung in Kriegs- und Krisengebieten? Haben Sie grundlegende Tipps, wie man solche Informationen verwertet und wie man verhindert, instrumentalisiert zu werden?

Ashwin Raman: Von Geheimdiensten habe ich niemals brauchbare Informationen bekommen. Eher das Gegenteil war der Fall. Diverse Nachrichtendienste haben mich zu "informellen" Gesprächen eingeladen, zweimal wurden mir sogar Stellen angeboten. Ich lehnte allerdings dankend ab mit den Worten: Alles Wissenswerte erfahren Sie in meinen Filmen. Warum wollen sie mich darüber hinaus auch noch bezahlen?

Kann man den "Job" des "Kriegsreporters" oder Reporters in Krisengebieten lernen? Wo sehen Sie ihre Stärken, wo Ihre Schwächen?

Ashwin Raman: Viele junge Journalisten möchten unbedingt "Kriegsreporter" werden. Kriegsreporter ist sozusagen zu einem Abenteuersport geworden. Vor allem erliegen sie dem Irrglauben durch den Einsatz in Krisengebieten Karriere machen zu können. Überwiegend handelt es sich um junge Freelancer, die in der Regel ohne Unterstützung einer Heimredaktion unterwegs sind, nicht versichert und unerfahren. Sie jagen den Revolutionen der arabischen Welt hinterher, auf der Suche nach einem Markt für ihre Bilder und Geschichten. Nicht selten führt dies zu einem tragischen Ende, wie im Fall James Foley. Die Kriterien für einen guten Kriegsberichterstatter gleichen denen für gute Journalisten. Tugenden wie Bescheidenheit, Ruhe, Diskretion, Geduld, Flexibilität sind oberstes Gebot. Vor allem aber gilt es, niemals kriegerische Handlungen in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen. Leider ist heutzutage gerade dies, das Streben vieler Journalisten. Meine Stärke sind die vielen Kontakte, die ich über die Jahre aufbauen konnte und die ich kontinuierlich pflege. Ich suche nie die Gefahr, trachte nicht danach Spektakuläres zu berichten. An dieser Stelle möchte ich den Spiegel zitieren: "Der grüblerische, ältere Herr ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich allgemein unter einem Kriegsreporter vorstellt. Vielleicht hilft das, Kontakt zu den unterschiedlichsten am Konflikt beteiligten Personen herzustellen. Raman ist weniger an spektakulären Bildern interessiert, sondern an Menschen, die andere Berichterstatter in ihren Krisenberichten meist nicht auf dem Zettel haben". Selbstverständlich verschafft mir mein Aussehen gewisse Vorteile. Sobald es jedoch zu Gesprächen und dergleichen kommt, werde auch ich als Fremder erkannt.

Sie haben ja bereits einige hervorragende Dokumentationen für ARD und ZDF gedreht, sind mit Preisen dekoriert worden. Vermutlich werden Sie von den Sendern hofiert.

Ashwin Raman: In unserem Geschäft ist man König für ein Tag. Hast du eine guten Film gemacht und gute Quoten erreicht, steigen die Chancen für das nächste Projekt. Ich habe auch erlebt, dass ein bereits bewilligtes Projekt kurzerhand annulliert wurde, weil einer meiner Filme kein Gefallen fand und die Quoten wegen eines Fußballspiels im Keller waren. Selbst nachdem ich den Deutschen Fernsehpreis gewonnen hatte, erlebte ich beim ZDF blanke Blockaden. Inzwischen habe ich beim SWR (Mainz) eine solidarische Heimat gefunden und es freut mich besonders, dass die gute Zusammenarbeit mit dem Otto Brenner-Preis gekrönt wird.

Wie reibungslos funktioniert die Kooperation zwischen den Korrespondenten vor Ort und den Redaktionen am Stammsitz der Sender? Welche praktischen Verbesserungsvorschläge haben Sie, um insgesamt die Arbeit der Reporter vor Ort zu erleichtern?

Ashwin Raman: Diese Frage können die Korrespondenten besser beantworten. Was mich betrifft, ich pflege den Kontakt mit meinem betreuenden Redakteur. Wir tauschen uns kontinuierlich aus, zum Beispiel wo ich mich zurzeit aufhalte, was ich bereits gedreht habe und dergleichen. Das Problem ist doch, dass die Öffentlich-Rechtlichen einen sehr begrenzte Präsenz in südlichen Hemisphären haben. So ist zum Beispiel nur ein ARD-Korrespondent mit Sitz in Delhi zuständig für Indien, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka oder Afghanistan. Beim ZDF ist die Lage noch verheerender. Ein Reporter, mit Sitz in Singapur, ist für ganz Asien zuständig. Durch diese Konstellation unterscheidet sich der Wissens- und Informationsstand der Korrespondenten und der Kollegen bei den Heimat-Stammsendern kaum. Alle lesen die gleichen Zeitungen, das Ganze läuft ziemlich reibungslos.

Viele Korrespondenten rücken ja nicht an das (Kriegs)-Geschehen heran, werden sogar aufgefordert sicheren Abstand zu halten. Wie lässt sich dieser Konflikt konstruktiv lösen?

Ashwin Raman: Ich kann mich nicht erinnern, deutsche Korrespondenten direkt an der Frontlinie gesehen zu haben. Über die großen Proteste auf Kairos Tariri-Platz berichtete ein ZDF-Korrespondent zum Beispiel vom Balkon seines 5-Sterne-Hotels. Balkonszenen gehören zu "Romeo und Julia", und nicht etwa zu aktueller Berichterstattung.



Newsletter abonnieren
Datenschutzhinweis

Nach Journalistenpreis suchen
SUCHEN!

Newsticker

Journalistenpreise
mit bald ablaufendem Einsendeschluss

28.02.2019: DDV-Preis für Wirtschaftsjournalisten

28.02.2019: BLM-Lokalfernseh-Preis

28.02.2019: BLM-Hörfunk-Preis

28.02.2019: Europäische Journalisten-Fellowships

28.02.2019: Prävention in der Schwangerschaft

28.02.2019: Lammsbräu Nachhaltigkeitspreis

28.02.2019: BVKJ-Medienpreis

28.02.2019: Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien

28.02.2019: EJO-Fellowship bei den EJF

01.03.2019: Deutscher Sozialpreis

01.03.2019: Grimme Online Award

01.03.2019: Stipendium Wissenschaftsjournalismus

01.03.2019: Anja Niedringhaus Courage in Photojournalism Award

01.03.2019: Medienvielfalt, anders

01.03.2019: Medienpreis der ELKB

01.03.2019: Marlies-Hesse-Nachwuchspreis

01.03.2019: Deutsch-Französischer Journalistenpreis

03.03.2019: Reporters in the Field

03.03.2019: Otto von Habsburg Journalistenpreis

03.03.2019: MIDAS Journalistenpreis

11.03.2019: DGIM Medienpreis

12.03.2019: Robert Geisendörfer Preis

15.03.2019: Medienbotschafter Indien - Deutschland

15.03.2019: lorry - Journalistenpreis Metropole Ruhr

15.03.2019: DRK-Medienpreis



Unsere Empfehlungen

The largest portal for journalism awards:
www.journalismawards.net

Nachrichten für Journalisten:
www.newsroom.de

Watchblog für Radiosender:
www.radiowatcher.de

Webverzeichnis für Journalisten:
www.journalistenlinks.de

Die Zeitschriften für Journalisten:
www.journalist.at
www.schweizer-journalist.ch
www.mediummagazin.de
www.wirtschaftsjournalist-online.de

Entspannungsmusik für Journalisten:
www.vtm-stein.de


Diese Seite drucken & speichern
Druckversion Druckversion in neuem Fenster
PDF Export Seite als PDF herunterladen


©2019 www.JournalistenPreise.de - Das Portal für Journalistenpreise

STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM
Projektleitung: Bülend Ürük. Termine: Christine Lieber. Anzeigen- und Medienberatung: Renate Sima
Design & Programmierung: kleinquadriert mediendesign, Verlag Oberauer.