Preise: 725 | Gewinner: 15806 | 23.02.2019 | facebook facebook


15 | 11 | 2016

 

JOURNALISTENPREISE-NEWS


"Otto Brenner Preise" heute im Livestream

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Zu ihrer medienpolitische Tagung und Verleihung der "Otto Brenner Preise für kritischen Journalismus" hat die Otto Brenner Stiftung heute in Berlin viel Prominenz versammelt. Beide Veranstaltungen gibt es auch im Livestream. Zur Podiumsdiskussion unter Leitung von SWR-Chefreporter Thomas Leif kommen unter anderem auch Oliver Welke von von der „heute show“ im ZDF und die Medienkritikerin Silke Burmester.

 

  Während für viele Beobachter politische Formate im Fernsehen mutlos wirken und als bloße "Begleitung der politischen Akteure" von sinkender Bedeutung sind, boomen Satire-Sendungen wie "heute show", "Die Anstalt" oder "Extra 3". Seit Jahren hat die "heute show" regelmäßig mehr Zuschauer und eine größere Reichweite als das "heute journal". Einzelne Ausgaben von "Die Anstalt" entwickeln eine öffentliche Wucht, die manchem TV-Politikmagazin fehlt. "Extra 3" hat es mit dem "Erdogan"-Song auf 10 Millionen Aufrufe bei YouTube geschafft. Worauf ist die gestiegene Aufmerksamkeit für Satire-Sendungen zurückzuführen?

Warum spricht etwa die "heute show" besonders Jugendliche an? Liefern die Formate nur Quatsch oder tragen sie zur Aufklärung und politischen Willensbildung bei? Sind sie nur eine Bereicherung für das öffentlich-rechtliche TV-Angebot oder sogar ein gebührenfinanzierter Beitrag zur Steigerung von Politikverdrossenheit? Diesen Fragen geht Prof. Bernd Gäbler in einer Studie nach. Er hat alle Ausstrahlungen von "heute show", "Die Anstalt" und "Extra 3" im ersten Halbjahr 2016 systematisch ausgewertet, verglichen und pointiert bewertet. Seine Analyse erscheint im Herbst; die Ergebnisse werden im Rahmen der medienpolitischen Tagung mit Medienkritikern, Programm-Verantwortlichen und Satirikern diskutiert.

Gemeinsam mit SWR-Chefreporter Prof. Dr. Thomas Leif diskutieren zum Thema "Quatsch oder Aufklärung? - Analyse und Diskussion der TV-Satire-Formate“ unter anderem: Dietrich Krauß, Redaktion „Die Anstalt“, die Medienkritikerin Silke Burmester, Tina Hildebrandt, Leiterin des Hauptstadtbüros von „Die Zeit“, OBS-Studienautor Bernd Gäbler, Albrecht von Lucke, Redakteur „Blätter für deutsche und internationale Politik“; Oliver Welke von der „heute show“ im ZDF.

Die Diskussion beginnt um 14 Uhr, sie kann im Livestream hier verfolgt werden: http://nsrm.de/-/3tj

Die Verleihung der Otto Brenner Preise für kritischen Journalismus kann ebenfalls live im Netz verfolgt werden. Jörg Hofmann eröffnet die Preisverleihung um 17 Uhr, anschließend hält die Publizistin und Kolumnistin Mely Kiyak die Festrede. Die Preisverleihung (u.a. mit den Laudationes unserer Jury-Mitglieder) endet ca. gegen 19.45 Uhr.

Die Preisverleihung kann im Livestream hier verfolgt werden: http://nsrm.de/-/3tj

Preisträger und Hintergrund

Den mit 10.000 Euro dotierten 1. Preis des "Otto Brenner Preises für kritischen Journalismus" erhalten 2016 Frederik Obermaier und Bastian Obermayer von der Süddeutschen Zeitung (SZ) für ihre besondere Rolle bei den Recherchen und der Veröffentlichung der "Panama Papers - Die Geheimnisse des schmutzigen Geldes".

Die "Panama Papers" sind nach Auffassung der Brenner-Jury eine journalistische Großtat, ein Unikat, was die internationale Dimension der Enthüllungen angeht, und sie sind der Superlativ des transnationalen Journalismus, weil hier mehr als 400 Journalisten höchst konzentriert und verlässlich verschwiegen zusammengearbeitet haben. Für die Jury bleibt jedoch die Leistung der beiden SZ-Reporter Bastian Obermayer und Frederik Obermaier "singulär". Sie haben ihr Reporterglück - "John Doe" wandte sich zuerst und exklusiv an sie - "durch unermüdliche Gegenrecherche perfekt in einen Scoop von globaler Reichweite und mit noch unabsehbaren Folgen verwandelt", urteilt die Jury in der Begründung für den ersten Preis. Die Zeitungsserie über die "Panama Papers" besticht nicht zuletzt durch die redaktionelle Orchestrierung, mit der die Süddeutsche Zeitung die skandalösen Neuigkeiten seit dem 4. April 2016 raffiniert dosiert an die Öffentlichkeit gebracht hat. Schlag auf Schlag seit April und anhaltend bis heute: "Journalismus als Hochleistungssport", so das Urteil der Jury. Ihren Ruf, die einzige deutsche Weltzeitung zu sein, hat die SZ nach Meinung der Jury mit "dieser großartigen Mega-Investigation hervorragend beglaubigt".

Der 2. Preis (5.000 Euro) geht an Julia Fritzsche (Bayerischer Rundfunk) und den freien Journalisten Sebastian Dörfler für das Radiostück "'Prolls, Assis und Schmarotzer' - Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet" (Bayerischer Rundfunk, Bayern 2, 19. Juli 2015).

Bis heute gelingt es weder Politik noch Medien, weder Institutionen noch Aktivisten, tatsächliche Armut mit allen Ausprägungen genau zu fassen. Gesagt wird nur, dass es Arme in Deutschland vergleichsweise gut haben, weil ein Fürsorgenetz sie vom Allerschlimmsten bewahrt. Arme haben keine Lobby, keine Sprecher. Armut ist Scham, eine Ziffer, ein Aktenzeichen, eine Zahl in der Statistik. Die Autoren Julia Fritzsche und Sebastian Dörfler gehen für die Jury dieses große Thema "beherzt, gleichzeitig streng an: Abbilden, analysieren, einordnen - und Verantwortliche benennen". Das Radiofeature arbeitet mit Collagen und harten Schnitten und verwebt so den Kammerton, der in dieser Leistungsgesellschaft vorherrscht. Das Autorenteam wird von der Jury für "beste journalistische Tugenden" gelobt.

Mit dem 3. Preis werden Matthias Krupa und Caterina Lobenstein für "Ein Mann pflückt gegen Europa" ausgezeichnet. Der Beitrag ist am 17. Dezember 2015 in DIE ZEIT erschienen. Das Preisgeld beträgt 3.000 Euro.

Seit Jahren fordern die Regierungen der EU-Staaten, es gelte, die Not zu bekämpfen, die Flüchtlinge nach Europa treibt. Doch die Politik der Europäischen Union in Afrika ist selbst eine der zentralen "Fluchtursachen". Nach Auffassung der Jury beschreiben Matthias Krupa und Caterina Lobenstein diesen Zusammenhang "wie noch niemand vor ihnen" in ihrem Beitrag "Ein Mann pflückt gegen Europa". Die vorbildlich recherchierte Geschichte eines ghanaischen Tomatenbauern und seiner in "sklavenähnlichen" Verhältnissen lebenden Landsleute auf einer italienischen Tomatenplantage macht verständlich, wie die erzwungene Öffnung der Agrarmärkte in wirtschaftlich schwachen Ländern Not und Vertreibung erzeugen. Die Autoren, so die Jury, "lüften vorbildlich den Schleier der Komplexität", hinter dem die wahren Interessen in der Handelspolitik zumeist verborgen werden. Sie leisten genau das, so die Jury in ihrer Begründung für die Preisvergabe, "was die Aufgabe von kritischem Journalismus ist".

Der "Spezial"-Preis, dotiert mit 10.000 Euro, geht in diesem Jahr an Arno Widmann. Die Jury zeichnet einen "der klügsten, der scharf- und eigensinnigsten Journalisten der Republik" mit diesem besonderen Preis aus. Widmann kann auf eine außerordentliche journalistische Biografie mit zahlreichen beruflichen Stationen und vielfältigen Aufgaben zurückschauen: Er war Mitgründer der taz, war dort Literaturredakteur, einige Zeit auch Chefredakteur, er war stellvertretender Chefredakteur der deutschen Vogue, Feuilletonchef der ZEIT, Chef der Meinungsseite der Berliner Zeitung und Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau - heute ist der inzwischen 70-jährige Autor im DuMont-Hauptstadtbüro. Für die Jury ist Arno Widmann "ein unermüdlich neugieriger und ein politischer Feuilletonist". Sie ehrt mit dem Preis einen eher untypischen Journalisten, "der den Weg zur Aufklärung mit Fragen pflastert." 

Den Newcomer-Preis, dotiert mit 2.000 Euro, erhält die freie Journalistin Laura Meschede für die Online-Dokumentation "Kein Platz", die am 7. April 2016 auf "taz.de" erschienen ist.

Laura Meschede besucht Roma in Mazedonien. Am Rande Skopjes, im lebendigen, unübersichtlichen, fremden Stadtteil Suto Orizari. Hier ist Europas größtes Roma-Viertel. Gerne wird diese riesige "Minderheit" vergessen, verdrängt, vernachlässigt - nicht jedoch von der jungen Reporterin. Sie lebt mit den Menschen in Suto Orizari, drei Monate lang hört sie ihnen zu und lässt sich nicht von Klischees und Vorurteilen ablenken. Für die Jury ist dabei "eine dichte Webreportage entstanden, Empathie ohne Kitsch: Fotos, Clips, schöner Schreibstil, nützliche Grafiken mit vielen Hintergrundinformationen". Laura Meschede, so die Jury weiter in der Begründung, "versteht sich stilsicher aufs digitale Erzählen und Erklären und rückt eine so oft diskriminierte Bevölkerungsgruppe mitten in unsere Aufmerksamkeit: modern und ernsthaft und ohne Schwere". Diese Arbeit über ein wichtiges Menschenrechtsthema zeigt für die Jury, "wie gut es ist, wenn alte Themen neu erzählt werden".

Im Wettbewerb um die Brenner-Preise zeichnet die Jury auch innovative und wegweisende Medienprojekte aus. 2016 geht der Medienprojektpreis, dotiert mit 2.000 Euro, an das Online-Projekt "FragDenBundestag.de".

"Macht ist die Schaffung von Ungewissheitszonen" - dieses erste Gebot von Verwaltung und Politik haben, so die Jury, die Macher des Medienprojekts www.fragdenbundestag.de mit "List und Leidenschaft außer Kraft gesetzt". Ihre Beharrlichkeit hat sich gelohnt. Nicht nur für die steuerzahlenden Bürger und Bürgerinnen, die wissen wollen, was und was nicht in den tausenden Gutachten dokumentiert ist, die der Bundestag den Abgeordneten regelmäßig auf Anfrage liefert. Mit diesem Medienprojekt, so die Jury weiter, "verwandelt sich abstrakte Transparenz in konkrete Wissensvermehrung". Die Brenner-Jury zeichnet ein "vorbildliches Medienprojekt" aus, das noch eine produktive Nebenwirkung für den parlamentarischen Betrieb hat. Denn nicht alle Gutachten zu allen denkbaren Sachfragen halten die Qualität, die sie versprechen. "Die erzwungene öffentliche Kontrolle", so die Hoffnung der Jury, "spornt die Gutachter nun sicher an, im Sinne von Bürgern und Politikern noch mehr Substanz zu liefern." Mit fragdenbundestag.de ist die bürokratisch verriegelte Transparenz-Politik nach Auffassung der Jury "wieder einen Spalt weiter geöffnet worden".

Neben diesen Preisen werden von der Otto Brenner Stiftung auch Recherche-Stipendien vergeben, die mit jeweils 5.000 Euro dotiert sind. Die Stipendien ermöglichen es, frei von ökonomischen Zwängen und mit professioneller Begleitung von erfahrenen "Mentoren", innovative und vielversprechende Projektthemen vertieft zu recherchieren und zu realisieren.

In diesem Jahr war die Jury nur von einem Antrag auf ein Recherche-Stipendium überzeugt. Der freie Journalist Philipp Haaser greift das Thema "Stadtentwicklung, Wohnungsbau, Kommunalpolitik" auf und recherchiert am Beispiel der Millionenstadt Köln, "wer vom dortigen Bauboom profitiert".

Die Vergabe von Recherche-Stipendien und die intensive Betreuung der Gewinner durch profilierte Journalisten gehören zum Markenkern des Brenner-Preises. Inzwischen liegen fast 30 erfolgreich abgeschlossene, zum Teil spektakuläre Recherche-Ergebnisse vor, die in renommierten Medien erschienen sind. Die Gewinner der Ausschreibung 2015 (siehe www.otto-brenner-preis.de) werden über die teils außergewöhnlichen Ergebnisse und ihre persönlichen Erfahrungen mit den Recherchen bei der diesjährigen Preisverleihung berichten.

Die Preisverleihung findet am 15. November in Berlin statt (Hotel Pullman Berlin, Schweizerhof). Anja Höfer, TV- und Hörfunk-Journalistin (SWR), moderiert die Festveranstaltung. Neben den Preisträgern und den Mitgliedern der Jury, die laudatieren werden, erwartet die Otto Brenner Stiftung mehr als 350 Gäste.

Die Otto Brenner Stiftung der IG Metall verleiht den "Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus" 2016 zum zwölften Mal. Prämiert werden journalistische Arbeiten, die das Motto der Ausschreibung "Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten" in ihren Beiträgen beispielhaft umgesetzt haben. Aus über 550 Bewerbungen wählte die Jury am 20. September in Frankfurt a.M. die Preisträger in fünf Kategorien. Das Preisgeld beträgt 2016 insgesamt 37.000 Euro.

Mitglieder der Jury des Otto Brenner Preises 2016 sind Sonia Seymour Mikich (Chefredakteurin Fernsehen, WDR), Prof. Dr. Thomas Leif (SWR-Chefreporter), Prof. Dr. Volker Lilienthal (Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus, Universität Hamburg), Prof. Dr. Heribert Prantl (Innenpolitik-Chef und Mitglied der Chefredaktion, Süddeutsche Zeitung), Harald Schumann (Redakteur für besondere Aufgaben, Der Tagesspiegel) sowie Jörg Hofmann (1. Vorsitzender der IG Metall und OBS-Verwaltungsratsvorsitzender). (B.Ü.)



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