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Im Interview - Nilüfer Parasiz


Nilüfer Parasiz
Nilüfer Parasiz

"Journalistenpreise zeichnen auch den ideellen Wert einer Reportage aus"



Zwei Monate als Reporterin in der Türkei arbeiten - diesen Traum hat sich die Journalistin Nilüfer Parasiz als IJP-Stipendiatin erfüllt. Sie nahm am Johannes Rau Programm teil und arbeitete als Gastredakteurin beim Fernsehsender NTV in Istanbul. Heute engagiert sie sich als Koordinationsassistentin des deutsch-türkischen Journalistenprogrammes. Wer sich für das Stipendium bewerben kann und was Interessierte beachten sollten, verrät sie im Interview mit JournalistenPreise.de.

JournalistenPreise.de: Was verbirgt sich hinter IJP?

Nilfer Parasiz: Das Internationale Journalistenprogramm ist ein Austauschprogramm für Journalisten, die als Volontäre, Redakteure oder als freie Mitarbeiter an deutschen Medien tätig sind. Sie arbeiten jeweils zwei Monate bei einem Medium des Gastlandes und als "Auslandskorrespondent auf Zeit" für das eigene Medium in Deutschland und können auf diesem Weg auch ihre Kenntnisse über Politik und Kultur des Gastlandes vertiefen und erweitern.

JournalistenPreise.de: Für welche Länder können sich Journalisten genau bewerben?

Nilüfer Parasiz: Es existieren Austauschprogramme mit den USA, Ländern in Asien und Lateinamerika, Großbritannien, den Niederlanden, Südafrika, Nordeuropa, dem Nahen Osten und der Türkei.

JournalistenPreise.de: Was genau ist das Johannes Rau Programm?

Nilfer Parasiz: Das Johannes Rau Programm, das vom Internationalen Journalistenprogramm zum ersten Mal im Herbst 2006 organisiert wurde, ist ein Angebot für deutsche und türkische Journalisten und wird seitdem erfolgreich fortgesetzt. Die fünfte Ausschreibung für dieses Jahr läuft schon und endet am 15. April.

JournalistenPreise.de: Warum setzen Sie sich gerade für dieses Programm ein?

Nilüfer Parasiz: Mir gefällt die Idee dahinter. Wenn Sie einen deutschen Journalisten fragen würden, was er über die Türkei weiß, dann werden Sie schnell mit einer Meinung konfrontiert. Auch gerade, weil in dem eigenen Land so viele Deutsch-Türken leben, werden Rückschlüsse über die Einwanderer auf das Herkunftsland gezogen. Dabei ist die Brille eine Distanzierte und oft auch eine verklärt Vereinfachte. Und mit „distanziert“ meine ich nicht distanziert Journalistische, sondern eine distanziert Europäische. Letztendlich münden alle weltpolitische Berichte über das Land in der Frage: „Ist die Türkei reif für die EU?“ Bei vielen Menschen in Deutschland setzt ein reflexartiges Gähnen bei diesem überstrapaziertem Aufhänger ein, das mittlerweile einen faden „Mint Gum“ Geschmack im Mund hinterlässt. Die Menschen in der Türkei selbst beschäftigen ganz andere existenzielle Fragen. Nur die Wenigsten wissen um die politischen Hintergründe und die tatsächlichen Kräfte, die in dem Land wirken. Das Programm ist an all die Journalisten gerichtet, die Interesse an einem eigenen Bild, eigenen Fragen und den Anspruch haben, sich neue Perspektiven zu erarbeiten und eine differenzierte Betrachtungsweise zu gewinnen. Gleichzeitig soll es die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland stärken. Etwas, wofür sich auch der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau stark machte und weswegen er dem Türkei-Programm zu Lebzeiten seinen Namen zur Verfügung stellte.

"Die deutsch-türkischen Beziehungen", so hat es Johannes Rau anlässlich eines Besuches in der Türkei einmal beschrieben, "sie gleichen einem alten Baum mit vielen jungen Trieben und einem starken Stamm, der vor jedem Wetter Schutz bietet."

JournalistenPreise.de: Sie waren selbst Stipendiatin des Programms. Welche Erfahrung konnten Sie selbst machen?

Nilfer Parasiz: Ich beneide die Kollegen in der Türkei nicht. Die Bedingungen, unter denen die türkischen Journalisten arbeiten, ist weder wirtschaftlich noch politisch ein Zuckerschlecken. Die meisten Kollegen arbeiten zu einem Mindestlohn. Bei aller Kritik über die Pressefreiheit war ich doch erstaunt, wie offensiv einige Journalisten die Regierung kritisieren. So ein Aufenthalt im Ausland ist immer auch eine Chance die eigene Position kritisch zu hinterfragen. Diesen scharfen Ton würden wir uns in Deutschland nicht erlauben dabei meine ich wirklich den Ton und nicht den Inhalt. In Deutschland kritisiert man in einem gewissen Ton, der nicht schreit. Der Ton ist zurückhaltender, gediegener, bedachter, damit aber auch teilweise seines appellativen Auftrags beraubt. Ich habe viel über die Medienlandschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur in der Türkei gelernt. Durch das Stipendium habe ich heute auch ein anderes Netzwerk. Zu den meisten Stipendiaten habe ich immer noch Kontakt und sie sind zum Teil zu Ansprechpartnern geworden, wenn es um bestimmte Themen oder auch nur um den persönlichen Erfahrungsaustausch geht. Das ist auch die Idee hinter dem Alumni-Netzwerk-Gedanken des IJP. Wir treffen uns mehrmals im Jahr in verschiedenen Städten und auch Ländern, wo neben einem interessanten Programm, man Gelegenheit bekommt im Kontakt zu bleiben. Im März treffen wir uns in Bremen, danach in Berlin und im Sommer in Düsseldorf.

Internationales Journalistenprogramm
Nilüfer Parasiz gemeinsam mit weiteren IJP-Stipendiaten und Organisatoren. Foto: IJP

JournalistenPreise.de: Muss ich eigentlich türkisch sprechen um an dem Programm teilzunehmen?

Nilfer Parasiz: Nein, das muss man nicht. Ausgezeichnete Englisch-Kenntnisse sind für die Kommunikation mit den Gastredaktionen vollkommen ausreichend. 

JournalistenPreise.de: Warum nimmt eine Deutsch-Türkin an einem Journalisten-Programm teil, das in die Türkei führt?

Nilfer Parasiz: Die Frage hat sich das Programm selbst auch gestellt. Im ersten Jahrgang des Johannes Rau Programms haben keine deutsch-türkischen Stipendiaten teilgenommen. Ich gehöre zum zweiten Jahrgang. Natürlich hätte ich mich auch für das asiatische oder lateinamerikanische Programm bewerben können. Doch ich war neugierig auf das Land, das ich selbst nur als Urlaubsland kenne. Die Mentalität war mir natürlich vertraut, aber der Arbeitsalltag und die Strukturen waren Neuland. Anders als die anderen Stipendiaten hatte ich die Möglichkeit, die Interviews mit jedermann auf Türkisch zu führen und Beiträge nicht nur für meine Heimatredaktionen in Deutschland, sondern auch für die Gastredaktionen zu produzieren.

JournalistenPreise.de: Wie wichtig sind Journalistenpreise für Sie?

Nilfer Parasiz: Journalistenpreise sind wichtig, um den ideellen Wert einer Arbeit auszuzeichnen. Qualitativ hochwertige Beiträge gehen im alltäglichen schnelllebigen Geschäft des Journalismus unter. Journalistenpreise geben nicht nur die Anerkennung, die sie verdienen, sie können dadurch auch Motor für mehr Qualität im Journalismus sein.

Infos zum Stipendium auf JournalistenPreise.de: Johannes Rau Programm

Die Fragen stellte Bülend Ürük.

Nilüfer Parasiz
Zur Person:

Nilüfer Parasiz M.A., Jahrgang 1973, studierte Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Sie arbeitet als freie Journalistin beim WDR-Hörfunk und für die Deutsche Welle. Nilüfer Parasiz arbeitet zweisprachig, ist außerdem im Bundesvorstand der Neuen Deutschen Medienmacher und war selbst Stipendiatin des Internationalen Journalisten-Programms (IJP).

 
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