Preise: 702 | Gewinner: 14674 | 17.12.2017 | facebook facebook

Im Interview - Dirk Kurbjuweit


Dirk Kurbjuweit
Dirk Kurbjuweit.

Seminyak-Stipendium soll aufwendige Recherchen unterstützen



Aufwendige Recherchen unterstützen möchte Dirk Kurbjuweit mit dem Seminyak-Stipendium, das er gemeinsam mit seiner Familie ins Leben gerufen hat. Der Preis wird zudem gefördert von ZDF-Anchorman Claus Kleber. Kurbjuweit, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, spricht im Interview mit JournalistenPreise.de auch über den "Kampf um den Leser bis zur letzten Zeile".

JournalistenPreise.de: Herr Kurbjuweit, "Haha, dein Medium ist am Sterben." ruft Nelson Muntz, eine Figur bei der Fernsehserie Simpsons, einem Washington-Post-Reporter zu. Wieso darbt der Printjournalismus so sehr, dass sich selbst Comicfiguren über Print lustig machen?

Dirk Kurbjuweit: Print ist bis heute einträglich für viele Verlage. Aber sie haben Online-Medien entwickelt, ohne sich genug Gedanken darüber zu machen, wie sie damit Geld verdienen können. Nun machen die Online-Medien dem Printjournalismus Konkurrenz, können den Journalisten aber oft keine guten Lebens- und Arbeitsbedingungen bieten. Bislang sehe ich nicht, dass die Online-Medien die Qualität von "FAZ", "Süddeutscher Zeitung", "Zeit" oder "Spiegel" erreichen. Aus beiden Gründen wäre es sehr schade, wenn Print verschwinden würde.

JournalistenPreise.de: Deutsche Verlage schreiben abr doch weiterhin noch schwarze Zahlen, verdienen viel Geld. Warum wird das nicht in die Qualität der Blätter investiert?

Dirk Kurbjuweit: Das kann ich nicht beantworten. Vielleicht fehlt manchen Verlagen das Vertrauen, dass man mit Qualität Geld verdienen kann. Das wäre schade.

JournalistenPreise.de: In einer Zeit, in der die Rechercheetats eingedampft werden, rufen Sie das Seminyak-Stipendium ins Leben. Wie sind die ersten Reaktionen der Kollegen? Wie hat "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo reagiert, mit dem Sie ja früher das Berliner "Spiegel"-Büro gelenkt haben?

Dirk Kurbjuweit: Ich habe viel Zuspruch bekommen und freue mich sehr darüber. Zwei Journalisten haben angeboten, selbst einen Beitrag zu leisten, ZDF-Kollege Claus Kleber wird schon direkt in diesem Jahr und für die nächsten drei Jahre den Seminyak-Preis mit jährlich 5.000 Euro fördern. Das finde ich wunderbar. Georg Mascolo hat mir gesagt, dass er das Stipendium für eine gute Idee hält.

Dirk Kurbjuweit
Dirk Kurbjuweit (links) hat das Seminyak-Stipendium mit seiner Familie begründet. Gemeinsam mit Ariel Hauptmeier (rechts oben) und Nils Minkmar (rechts unten) entscheidet er persönlich über die Gewinner. Fotos: Der Spiegel / Reporter-Forum e.V.

JournalistenPreise.de: Bringen aufwendige Recherchen in der Welt wirklich noch etwas? Die Zukunft des deutschen Printjournalismus liege doch eigentlich im Lokalen, sagen viele Fachleute.

Dirk Kurbjuweit: Die Zukunft liegt auch im Lokalen. Generell liegt die Zukunft des Printjournalismus in der Qualität. Beim Tempo können wir naturgemäß nicht mithalten. Aber wir können noch gründlicher recherchieren, noch tiefer analysieren und noch besser schreiben. Der Leser muss die Wertigkeit spüren, wenn er ein Blatt liest.

JournalistenPreise.de: Sie sind selbst in den Genuss gekommen, dank eines Stipendiums erste Auslandserfahrungen sammeln zu können, die Heinz-Kühn-Stiftung hatte Ihnen schon 1988 die Möglichkeit gegeben, für drei Monate in Sambia zu leben und zu recherchieren. Ist das vielleicht auch ein Grund, warum Sie den Preis mit ihrer Ehefrau und ihren beiden Kindern ausgeschrieben haben? Was hat Ihnen die Recherche in Sambia für Ihren beruflichen Weg gebracht?

Dirk Kurbjuweit: Ich denke noch oft an Sambia, an meine erste Begegnung mit einem Krokodil, an meine erste Begegnung mit einem Diktator, an Recherchen bei 40 Grad im Schatten. Ich habe damals einige Geschichten für die "Zeit" geschrieben, die mir vielleicht geholfen haben, dort einen Job zu bekommen. Genauso wichtig war die existenzielle Erfahrung Afrika. Aber die beiden Stipendien sind sehr verschieden: Bei der Kühn-Stiftung geht es um das Leben und Arbeiten in einem fremden Land. Wir wollen konkrete Recherchen fördern.

JournalistenPreise.de: Was halten Sie eigentlich generell von Journalistenpreisen, abgesehen natürlich vom Egon-Erwin-Kisch-Preis (Henri Nannen Preis), den Sie schon zweimal für sich entscheiden konnten. Bewerben oder nicht bewerben?

Dirk Kurbjuweit: Unbedingt bewerben. Mein erster Kisch-Preis hat mein journalistisches Leben stark beeinflusst. Das war damals wie ein Ritterschlag, man hat mich danach besser behandelt und besser bezahlt. Preise sind nicht alles, aber für die Reputation eines Journalisten sind sie nützlich.

JournalistenPreise.de: Ihnen ist der journalistische Nachwuchs wichtig, es heißt, Sie nehmen sich Zeit auch für jüngere Kollegen, die bei Ihnen hospitieren. Wie wichtig ist der Austausch mit den jungen Journalisten?

Dirk Kurbjuweit: Als Leiter des Hauptstadtbüros habe ich dafür leider viel zu wenig Zeit. Gleichwohl gibt es diese Gespräche. Für mich ist interessant, zu erfahren, wie sich das Schreiben ändert, die Sicht auf Politik, auf das Leben, auf den "Spiegel". In solchen Gesprächen habe ich erfahren, wie schwierig es für junge Journalisten ist, aufwendige Recherchen zu machen. Auch deshalb gibt es nun das Seminyak-Stipendium.

JournalistenPreise.de: Sie betonen in der Ausschreibung, dass der Text, der dank des Stipendiums entsteht, auf keinen Fall im "Spiegel" erscheinen wird. Haben Sie Angst, dass andere Kollegen denken, dass Sie das Stipendium nur ausschreiben, um an gute Ideen und exzellente Autoren zu kommen?

Dirk Kurbjuweit: Nein, diese Angst habe ich nicht. Der "Spiegel" hat zum Glück die Mittel, um aufwendige Recherchen zu finanzieren. Ich möchte den Recherchejournalismus in Medien fördern, die sich ihn nicht leisten können oder wollen.

JournalistenPreise.de: Was macht denn eigentlich genau einen guten Artikel aus?

Dirk Kurbjuweit: Er muss etwas Neues bieten, entweder neue Fakten oder eine eigene Sicht auf die Welt. Er muss klug sein und schön dahinfließen.

JournalistenPreise.de: Und wie wird man ein guter Reporter?

Dirk Kurbjuweit: Neugier auf den Menschen und die Welt - damit fängt es an. Eher zuhören wollen, als selbst zu reden. Einfühlung. Der Mut, die Dinge nicht so zu machen, wie alle Kollegen sie machen. Unermüdlichkeit beim Nachdenken über Sprache und Struktur von Texten. Verzweiflung aushalten können. Kampf um den Leser bis zur letzten Zeile.

JournalistenPreise.de: Das Reporter-Forum haben Sie bei der Organisation des Seminyak-Stipendiums mit ins Boot geholt. Wie wichtig ist eine unabhängige, von Journalisten getragene Organisation für die Qualität in der deutschen Medienlandschaft?

Dirk Kurbjuweit: Journalismus ist ein Beruf, der Individualismus braucht und fördert. Man kann aber auch vereinzeln dabei. Ich finde es gut, dass es nun Organisationen wie "Reporterforum", "Netzwerk Recherche", "Journalisten helfen Journalisten" oder "Reporter ohne Grenzen" gibt. Es stärkt jeden Einzelnen und den Beruf insgesamt, wenn man Erfahrungen austauscht und einander hilft.

JournalistenPreise.de: Ihr Seminyak-Stipendium kann man durchaus als Liebeserklärung an den Printjournalismus verstehen. Hand aufs Herz - würden Sie jungen Kollegen heute noch den Einstieg in den Journalismus empfehlen?

Dirk Kurbjuweit: Es stimmt, das Stipendium ist auch eine Liebeserklärung an den Printjournalismus. Mein Sohn ist 16. Ich frage mich manchmal, was ich ihm sagen würde, wenn er Journalist werden wollte. Ich glaube, ich würde ihm sagen, dass Journalismus ein wunderbarer Beruf ist und bleiben wird. Er sollte aber nicht davon ausgehen, dass er die Lebens- und Arbeitsbedingungen seines Vaters erreichen wird. Wenn er trotzdem Journalist werden will, weil er glaubt, dass er diesen Beruf zu einer Leidenschaft machen kann, soll er unbedingt Journalist werden. Und wenn er gut ist, wird er auch einen guten Job finden. Aber bislang will mein Sohn gar nicht Journalist werden.

Die Fragen stellte Bülend Ürük.

Mehr Informationen zu dem Preis gibt es hier.


Dirk Kurbjuweit
Zur Person:

Dirk Kurbjuweit, 1962 in Wiesbaden geboren, war von 1990 bis 1999 Redakteur bei der Wochenzeitung "Die Zeit"; dann Reporter beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", dessen Hauptstadtbüro er seit Sommer 2007 leitet. 1998 und 2002 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis (Henri Nannen Preis), 2008 den Männerpreis des Emma-Journalistinnen-Preises sowie den Medienpreis des Deutschen Bundestages, 2010 den Ernst-Schneider-Preis. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Bettina und den Kindern Marja und Jonas hat er das Seminyak-Stipendium begründet.

 
Dirk Kurbjuweit.

 


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