Preise: 722 | Gewinner: 15638 | 15.12.2018 | facebook facebook

Im Interview - Benjamin Piel


Benjamin Piel
Benjamin Piel.

"Guter Lokaljournalismus ist kein Jota anspruchsloser als überregionaler Journalismus"



Über seinen ersten Journalistenpreis kann sich Benjamin Piel freuen. Der Volontär der Schweriner Volkszeitung hat den KEP-Nachwuchsjournalistenpreis für sich entschieden, den der Christliche Medienverbund KEP zum zweiten Mal verliehen hat. Ein Interview über Pudding, ältere Kollegen, entlaufene Hunde und die Arbeit als Privatdetektiv.

JournalistenPreise.de: Herr Piel, wie fühlt sich der Gewinn des ersten Journalistenpreises an?

Benjamin Piel: Es ist eine Bestätigung der eigenen Arbeit. Es ist der Lohn für so manche lange Recherchenacht. Der Preis spornt mich an und motiviert mich. Auf der anderen Seite ist der Hunger nach Preisen eine Gefahr. Im Lokalen sind Preise selten, da muss man auch ohne die Aussicht auf Auszeichnungen zu einer hohen Schlagzahl bereit sein. Viel geben, auch wenn man dafür wenig zurückbekommt – schon gar keine Preise. Aber einen Preis im Volontariat zu bekommen, das macht natürlich Spaß.

JournalistenPreise.de: Sie wurden am Freitag in Wetzlar für Ihren Beitrag "Nächste Ausfahrt: Tod" ausgezeichnet. Was genau verbirgt sich hinter dieser Überschrift?

Benjamin Piel: Eine Frau fährt zur Arbeit. Wie jeden Tag. In ein paar Tagen will sie heiraten. Ein anderes Auto nähert sich von hinten, rammt das Fahrzeug der Frau. Sie stirbt. Mit 27 Jahren. Die Überschrift zeigt wie schnell es gehen kann: Manche schaffen es nicht mal mehr bis zur nächsten Abfahrt. Und dann heißt die nächste Ausfahrt eben Tod. Der Beitrag war der Abschluss einer Serie unserer Redaktion zum Thema Glück. Die Vorgabe lautete, über Menschen zu schreiben, die ihr Glück verloren und wiedergefunden haben. Nach längeren Recherchen stieß ich über einen Trauerbegleiter, einen pensionierten Pfarrer, auf die Eltern der verstorbenen Frau. Ich habe dann sehr lange mit ihnen geredet, mehrere Stunden lang. Sie haben geweint, ich habe geschluckt. Wer über Menschen schreiben will, der muss einen Blick in ihre Seele wagen. Das ist hier ganz gut gelungen, denke ich. Am Ende wusste ich, dass ich das Ziel der Arbeitsvorgabe verfehlt hatte: Wer sein Kind verliert, der findet sein Glück nicht wieder. Jedenfalls nicht so allumfassend, nicht so explosiv, nicht so schillernd.

JournalistenPreise.de: Wie lange haben Sie für die Endfassung Ihrer Reportage benötigt?

Benjamin Piel: Extrem lange. Genau kann ich es nicht sagen. Von der Idee bis zur Endfassung in jedem Fall einige Wochen. Für eine Tageszeitung ist das ein fast unüberschaubar langer Zeitraum. Die meiste Zeit einer Recherche besteht ja oft aus Warten und aus Nichtstun. Das ist ein bisschen so wie bei einem Privatdetektiv. Der wartet, dass sich etwas regt. Journalisten warten auf Antworten, auf Gesprächspartner, auf Themen. Oft warten Journalisten auch darauf, dass jemand sich entscheidet, ob er überhaupt reden will. Das kann manchmal dauern.

Benjamin Piel
Blick in die Redaktion - Redaktionsvolontär Benjamin Piel gemeinsam mit SVZ-Chefredakteur Dieter Schulz.

JournalistenPreise.de: Was macht denn einen guten Journalisten aus Ihrer Sicht eigentlich aus?

Benjamin Piel: Er muss so neugierig sein, dass es weh tut. Er muss sehen, was andere nicht sehen. Wenn ein Gesprächspartner ein winziges Muttermal auf der Nase hat, das nie jemandem auffällt, dann muss es dem Journalisten förmlich ins Auge springen. Er muss ein Gespür für Geschichten haben, muss hinter einem Halbsatz einen Huntertzeiler erahnen. Er muss zuhören können – mehr als er reden kann. Und er muss die Geschichte, an der er gerade arbeitet, lieben. Etwas weniger als seine Frau – aber lieben.

JournalistenPreise.de: Und was können junge Journalisten von älteren Redakteuren lernen?

Benjamin Piel: Unendlich viel. Ich möchte keinen Tag arbeiten ohne die Erfahrung der älteren Kollegen. Ohne die würde der Nachwuchs oft ins Messer laufen. Handwerk kann man lernen – Erfahrung muss man haben.

JournalistenPreise.de: Welche Bedeutung haben Journalistenpreise aus Ihrer Sicht?

Benjamin Piel: Journalistenpreise sind Bestätigung, Motivation und Ansporn. Aber das wirklich wahre journalistische Leben wird nicht bei Preisverleihungen gekämpft. Ich schreibe nicht für Preise, sondern, um dem Leser zu dienen. Mir liegt das Informiertsein des Lesers tausendmal mehr am Herzen als meine nicht vorhandene Preisvitrine. Alles andere wäre Unsinn.

JournalistenPreise.de: Sie sind noch jung, Jahrgang 1984. Wie wird sich der Journalismus in den nächsten Jahren Ihrer Meinung nach verändern?

Benjamin Piel: Qualität spielt eine immer größere Rolle. Früher gehörte es zum guten Ton, eine Zeitung im Abo zu haben. Heute ist das anders. Für Journalisten bedeutet das: weniger Komfort. Das mag manchen erschrecken, aber in dieser Entwicklung liegt eine enorme Kraft. Es gilt nicht mehr das Gesetz „Friss oder stirb“. Wenn die Qualität nicht stimmt, dann kommt die Abbestellung. Auch, weil der ökonomische Druck bei vielen Menschen steigt. Da ist es wichtig, den Lesern das Gefühl zu geben, dass die Zeitung nicht entbehrlich ist. Der Leser muss das Gefühl haben: Wenn ich heute nicht die Zeitung gelesen hätte, dann hätte ich etwas verpasst, dann würde mir etwas fehlen. Zeitungen müssen wieder mehr menschliche Geschichten in den Vordergrund stellen. Menschen interessieren sich für Menschen. Dieses ungeschriebene Gesetz wird auch in 10.000 Jahren noch gelten. Was die Transportmittel der Geschichten angeht, wird sich vieles ändern und in Richtung online verschieben. Aber das erschreckt mich kein bisschen, eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte. Heute, morgen und in hundert Jahren. Wenn vor Ihnen ein leckerer Pudding steht, dann bleibt er ein leckerer Pudding, unabhängig davon, ob Sie ihn mit einem großen Löffel, einem kleinen Löffel, mit einer Gabel oder mit den Händen essen. So ist das auch mit den Geschichten. Ob die Menschen gute Geschichten in der Zeitung lesen oder online, das spielt keine Rolle. Nicht aus journalistischer Perspektive jedenfalls. Wie die Geschäftsführungen mit bestimmten Entwicklungen umgehen, das ist nicht in erster Linie eine journalistische Frage.

JournalistenPreise.de: Gerade im Lokalen soll es heutzutage besonders schwierig sein, längere Stücke zu veröffentlichen. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag tatsächlich aus? Haben Sie Zeit für längere Stücke?

Benjamin Piel: Sie sagen: Es soll schwierig sein. Ich sage Ihnen: Es ist schwierig. Sehr schwierig sogar. Ich kenne junge Journalisten in ganz Deutschland. Alle wissen: Der Druck nimmt zu. Vor allem auch im Lokalen. Qualitätsjournalismus ist ein Wort, das ebenso inflationär wie flächendeckend verwendet wird. Und von der Idee her ist dieses Wort auch völlig angebracht in Zeiten der Zeitungs-, Medien- und Internetkrise. Aber mit der Realität hat es oft nichts zu tun: Da werden Redaktionen ausgedünnt, Kollegen vor die Tür gesetzt, Gehälter gedrückt. Das Schwierigste im Lokalen ist, dass ganz viele Aufgaben auf einmal gemacht werden müssen. Hier ist einem sein Hund entlaufen, dort freut sich jemand über seine Riesensonnenblume im Garten, wieder anderswo dreht ein Bürgermeister krumme Dinger. Alle diese Dinge muss ein Lokaljournalist unter einen Hut bekommen. Das ist manchmal ein Drahtseilakt. Bei der Schweriner Volkszeitung habe ich zum Glück immer wieder die Gelegenheit zu längeren Stücken. Das bedeutet aber auch, dass mir die Kollegen den Rücken freihalten müssen. Wer längere Stücke schreiben will, der muss sich darum bemühen. Das hat also auch sehr viel mit persönlichem Engagement zu tun.

JournalistenPreise.de: Wie genau funktioniert in Ihrer Redaktion die Themenauswahl?

Benjamin Piel: Das ist eine interessante Frage. Denn bei der SVZ läuft das vielleicht etwas anders ab als bei einigen anderen Zeitungen. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland und so hat die SVZ Redaktionen in so exotischen Orten wie Sternberg, Lübz oder Gadebusch. Es ist ganz wichtig, hier vor Ort und nah an den Menschen zu sein. Aber die Themen liegen eben nicht auf der Straße. Da ist viel Kreativität, viel Gespräch mit den Kollegen und viel Überlegung gefragt. Außerdem ist es in der Provinz oft viel schwieriger, Menschen in den Vordergrund zu stellen als in städtischen Gebieten. Wenn ich eine Schicksalsgeschichte über einen Menschen schreibe, dann weiß er: Morgen liest das mein Nachbar. Viele Menschen sind da sehr vorsichtig. Ein ganz großer Teil meiner Arbeit besteht darin, Menschen davon zu überzeugen, überhaupt mit mir über eine Sache zu reden. Manchmal ist das einer der schwierigsten Punkte innerhalb der Recherche. Nicht selten dauert es Monate. Das braucht dann viel Geduld, viel Durchhaltevermögen, viel Kraft. Und ein gutes Gedächtnis. Eigene Themen einzubringen ist deshalb keine seltene Gelegenheit, sondern ein tägliches Muss. Zum Glück.

JournalistenPreise.de: In der Lokalredaktion erhält man direkte Resonanz seiner Leser, wie sieht es bei der Schweriner Volkszeitung aus?

Benjamin Piel: Im Lokalen kann man sich nicht verstecken. Da kannst du nicht ein heißes Eisen anfassen und dann abtauchen. Da musst du am nächsten Tag für jedes Wort geradestehen. Allerdings empfinde ich den engen Kontakt mit dem Leser als einen enormen Vorteil. Eins ist sicher: Die Leute kennen sich aus. Das zwingt zu noch mehr Sorgfalt.

JournalistenPreise.de: Was sagen Sie Kollegen von den Mantelredaktionen oder überregionalen Medien, die über Lokaljournalismus die Nase rümpfen?

Benjamin Piel: Glauben Sie, dass es solche Kollegen gibt? Ich halte das für einen überholten Mythos. Die Lokalen wissen, was sie an den Mantelleuten haben und andersherum. Letztlich halte ich es für grundlegend falsch, diesen Unterschied zu machen. Die Arbeit im Lokalen und die Arbeit im Überregionalen ist im Wesentlichen ähnlich. Das gilt für die Qualitätsanforderungen ebenso wie für das journalistische Handwerk. Guter Lokaljournalismus ist kein Jota anspruchsloser als überregionaler Journalismus. Meine Vision ist, dass weder in der Machart noch in der Qualität Welten zwischen lokal und regional liegen. Ich glaube, dass die Reise in diese Richtung geht. Und das ist gut so – vor allem für den Leser.

Mit Benjamin Piel sprach Bülend Ürük.

Der Gewinnerbeitrag von Benjamin Piel kann hier nachgelesen werden.


Benjamin Piel
Zur Person:

Benjamin Piel (Jahrgang 1984) arbeitet seit mehr als zehn Jahren journalistisch. Schon zu Schulzeiten begann er, im Sauerland für lokale Printmedien zu arbeiten. Nach dem Abitur studierte er Neuere deutsche Literatur, Neuere und neueste Geschichte und Vergleichende Religionswissenschaft in Tübingen. Seine Magisterarbeit erschien unter dem Titel „Terror-Böll“ bei einem Münchner Verlag. Nachdem er im Studium zahlreiche Hospitationen unter anderem bei der Bild am Sonntag, der WAZ und der Verlagsgruppe Rhein-Main absolviert hatte und mehrere Jahre freier Mitarbeiter der Bundestags-Wochenzeitung "Das Parlament" war, begann er im Jahr 2010 ein Volontariat bei der Schweriner Volkszeitung.

 
Benjamin Piel.

 


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